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Nathalie Bäschlin© ZVG

Blick hinter die Kulissen

Nathalie Bäschlin, Leiterin Konservierung und Restaurierung Kunstmuseum Bern Mein Arbeitstag beginnt auf der kleinen Strasse zur Anlieferung des Kunstmuseums. Hier begegne ich am Morgen bereits einigen Kolleginnen und erfahre, ob es Neuigkeiten gibt. Dabei geht es uns Restauratorinnen vor allem um die Kunstwerke und darum, ob sie optimal geschützt sind. Ist etwa eine Skulptur gefährdet, weil sie in einer unübersichtlichen Ecke positioniert ist oder stehen kurzfristig Reparaturen an der Klimaanlage an? Diese morgendlichen Berichte sind für mich Gold wert und ich kann sie direkt in die Tagesplanung integrieren.

Ich arbeite mit einem hoch spezialisierten Team. Gemeinsam verfügen wir über breit gefächerte Erfahrung und Wissen zu computerbasierten Kunstwerken, Ölmalerei und Papierarten, zu Drucktechniken und Videos, zu Schokoladeobjekten und zu mit-telalterlicher Tafelmalerei. Hinzu kommt die Kooperation mit der Hochschule der Künste und vielen Studierenden, die sich der konservatorischen Fragen zu Werken aus unserer Sammlung annehmen.

Ein grosser Teil unserer Arbeit macht die Ausstellungsbetreuung aus. Wir prüfen jedes Kunstwerk, das wir als Leihgabe entgegennehmen, auf seinen Erhaltungszustand und dokumentieren diesen minutiös. In Kürze werden wir die Möglichkeiten und Grenzen der «Virtual couriers» ausloten und erstmals eine Zustandsprüfung mit einem US-Leihgeber per Live-Streaming durchführen.

Die Aussenwahrnehmung unserer Rolle im Museum – als meist weibliche, entrückte und zeitreisende Geheimwissenschaftlerinnen – amüsiert mich manchmal, obwohl ein Körnchen Wahrheit dabei ist. Wir agieren hinter der Kulisse, vor und nach der Ausstellung. Wir überwachen die Ausstellungs- und Lagerbedingungen und werden immer erst dann laut, wenn die Kunstwerke gefährdet sind.

In den letzten Jahrzehnten hat sich das Berufsbild verändert, nicht zuletzt auch, weil die Bedeutung des Materials in der Kunst vermehrt diskutiert wird und wir mit unserer Expertise zu den Materialien und Techniken mit anderen kunstwissenschaftlichen Berufsfeldern intensiv kooperieren.

Aktuell erforschen wir gemeinsam mit der Abteilung Provenienzforschung Spuren an Werkrückseiten. Höchst spannend finde ich auch ein Internationales Projekt zur Maltechnik von Amadeo Modigliani, das mich zurzeit sehr beschäftigt und an dem sich Spezialisten aus sechs Ländern beteiligen und austauschen.

Ein Arbeitstag hat für mich dann eine besondere Qualität, wenn ich einen Teil der Zeit konzentriert einem Werk, einer Frage dazu oder einer konservatorischen Massnahme widmen darf. Das Eintauchen in mikroskopische Strukturen oder das Entwickeln von Lösungen für eine kleine lose Farbscholle, die beim nächsten Luftzug vom Gemälde abzufallen droht, haben für mich eine hohe Faszination bewahrt.

Nathalie Bäschlin, Chefrestaura-torin am Kunstmuseum Bern und Dozentin an der Hochschule der Künste Bern sowie Autorin des Buches «Fragile Werte. Diskurs und Praxis der Restaurierungswissenschaften 1913 – 2014», erschienen bei Transcript, Bielefeld

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