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Bernhard Giger hat während des Lockdowns ein neues Fotoprojekt lanciert.© Alexander Jaquemet

Ein Interpret der Welt

Bernhard Giger, der Leiter des Kornhausforums, blickt auf eine reichhaltige berufliche Laufbahn zurück. Der Berner war Filmemacher und Journalist und ist ein leidenschaft­licher Fotograf. Nun geht er per Ende Jahr in Pension.

«Ich war rebellisch und radikal», sagt der Berner Fotograf, Filmemacher und Journalist Bernhard Giger. Wenn er sich an die 70er-Jahre zurückerinnert, schwingt in seinen Worten der Geist der 68er-Bewegung mit: «Wir waren überzeugt, die Welt verändern zu können.» In jenem Geschehen, das die Regeln der Kunst und der Gesellschaft für immer aufbrechen sollte, stand Giger als junger, freischaffender Fotograf mittendrin.

Im Rahmen eines dokumentarischen Fotoprojekts etwa reiste er über mehrere Jahre in alle Welt und besuchte Künstler in ihren Ateliers. Andy Warhol, Joseph Beuys, Jean Tinguely, Chris Burden, Otto Muehl – sie alle traten vor die Linse des Berner Fotografen. «Shootings mit solchen Menschen klappten damals noch relativ unkompliziert», sagt Giger. Nur ein paar wenige Telefonanrufe – und schon habe er mit Warhol 15 Minuten alleine in einem der Räume der Silver Factory in New York arbeiten dürfen.

Wegweisend für Gigers weitere berufliche Laufbahn war die Programmmitarbeit im Berner Kellerkino ab 1973. Daneben begann Giger Film- und Fernsehkritiken für verschiedene Lokalmedien zu schreiben. Sein Schreib­talent führte ihn schon bald in leitende Funktionen in Berner Kulturredak­tionen, zunächst bei «Der Bund» und anschliessend bei der «Berner Zeitung», wo er fünf Jahre auch Leiter des Stadtressorts und Mitglied der Chef­redaktion war.

«Interaktion mit der Wirklichkeit»

«Ich mag beim Lokaljournalismus insbesondere die Nähe zum Geschehen und die Möglichkeit, direkte Feedbacks zu erhalten», sagt Giger. In dieser «Interaktion mit der Wirklichkeit» sehe er auch eine Parallele zur Fotografie: «Ich interpretiere die Welt, die ich erlebe, indem ich Bilder mache oder Texte schreibe. Und diese wiederum haben eine Rückwirkung auf das Umfeld. Das fasziniert mich.»

Der zweite berufliche Zweig, der aus der Arbeit im Kellerkino spross, war die Filmregie. Sein Erstling «Winterstadt» feierte im Sommer 1981 am Filmfestival Locarno Premiere. «Es ist ein atmosphärisches Stimmungsbild über einen resignierten Protagonisten im winterlichen Bern», sagt Giger. In einem rohen und authentischen Stil porträtiere der Schwarz-Weiss-Film das Lebensgefühl zu Beginn der 80er-Jahre: unsicher, grau, einsam, desillusioniert.

Auch seine weiteren Filmarbeiten seien nahe an der Wirklichkeit gebaut, sagt Giger und führt aus: «Bei der Entwicklung meiner Bildersprache war der deutsche Filmemacher Rainer Werner Fassbinder von zentraler Bedeutung». Beim Kinopublikum kam der gesellschaftskritische Realismus gut an: Gigers zweiter Film «Der Gemeindepräsident» mit Mathias Gnädinger in der Hauptrolle war der erfolgreichste Schweizer Film des Jahres 1984. In den folgenden Jahrzehnten inszenierte Giger als Regisseur eine ganze Reihe weiterer Filmprojekte, darunter «Der Pendler», mit Bruno Ganz und Anne-Marie Blanc, und zwei Tatort-Folgen.

«Wie nach Hause kommen»

Als das Kornhausforum 2008 sein Konzept überarbeitete, fungierte Giger zunächst als Diskussionsmoderator. Die Berner Kulturinstitution verstand sich seit ihrer Gründung 1998 als offener Ort für Gestaltung und Gesellschaftspolitik. Die drei Grundpfeiler Design, Architektur und Fotografie blieben in der Endfassung des neuen Profils weiterhin bestehen, der inhaltliche Schwerpunkt jedoch sollte sich fortan verstärkt auf Bern fokussieren. «Alle Aspekte des städtischen Lebens und Zusammenlebens, der Stadtentwicklung und des Zusammenspiels mit Agglomeration und Region sollen zur Darstellung kommen in Ausstellungen, Veranstaltungsreihen und Podiumsdiskussionen», lautete die Zielsetzung.

Schliesslich ergab es sich, dass Giger 2009 die Leitung des Kornhaus­forums übernehmen konnte. Da die Fotografie im Kornhausforum einen wichtigen Stellenwert einnimmt, habe sich die Annahme dieser neuen Aufgabe wie «nach Hause kommen» angefühlt. «Das Konzept hat sich bis heute weitgehend bewährt; wir haben rund 40 000 Besucherinnen und Besucher pro Jahr», freut sich Giger. Ausserdem handelte das Kornhausforum kürzlich einen neuen Leistungsvertrag aus, der mehr Subventionen vorsieht und bis 2023 läuft. Angesichts dieser «guten Ausgangslage» entschied sich Giger, das Zepter am Ende dieses Jahres weiterzugeben und in Rente zu gehen. Die Nachfolge ist noch nicht bestimmt.

Lockdown-Fotoprojekt

Untätiges Zuhausesitzen komme für den vielseitigen Kulturschaffenden allerdings auch im Ruhestand nicht in Frage. «Ich will mich wieder vermehrt der Fotografie widmen, denn sie ist in meinem Leben ganz klar die grösste Herzensangelegenheit», sagt Giger. Der aktuelle Lockdown habe bereits jetzt zum Beginn eines neuen Fotoprojekts geführt: «Ich finde den derzeitigen Kontrast des gesellschaftlichen Herunterfahrens einerseits und dem Erblühen der Natur andererseits sehr bewegend. Diesen Gegensatz möchte ich bildlich zu vermitteln versuchen.»

Neben der Fotografie wird Giger auch weiterhin als Präsident von Bekult, dem Dachverband Berner Kulturveranstalter agieren. In dieser Funktion setzt er sich mit seiner charakteristischen Beharrlichkeit für die Anliegen der Berner Kulturschaffenden in der Politik ein. Und wenn dann doch noch etwas freie Zeit übrigbleibt, so hält ihn bestimmt sein kürzlich geborener Enkelsohn auf Trab.

«Bernhard Giger: Begegnung im Atelier – Künstlerporträts 1971–1976», 2016, Stämpfli Verlag
www.kornhausforum.ch

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