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Eine Rembrandt-Kopie aus dem 19. Jahrhundert wird an das Deutsche Medizinhistorische Museum in Ingolstadt übergeben. © Nathalie Jufer

Ein Museum räumt auf

Was macht ein Museum, wenn die eigene Sammlung kaum noch überschaubar ist? Es entsammelt. Ein Tabubruch, den das Bernische Historische Museum wagt.

Drei Plüschbären von 1993, Schuheinlagesohlen und Schallplatten aus dem 20. Jahrhundert, ein Schreiben des nachmaligen Papstes Clemens XIII. aus dem Jahr 1753. Was diese unterschiedlichen Objekte verbindet? Sie sind Teil der umfangreichen Sammlung des Bernischen Historischen Museums. Aber nicht mehr lange. Das Museum hat nach einem offiziellen Sammlungsstopp 2015 eine Sammlungserschliessung und Bereinigung in Angriff genommen, die 2022 abgeschlossen werden soll. «Bis dahin wussten wir nicht genau, was unsere Sammlung alles umfasst, und wo und in welchem Zustand sich die Gegenstände befinden», erklärt Marc Höchner. Der wissenschaftliche Mitarbeiter ist für das Teilprojekt «Deakzessionierung» verantwortlich. Das Bernische Historische Museum ist eines der ersten Museen der Schweiz, das sich an eine Deakzessionierung, was soviel wie «Entsammlung» bedeutet, wagt. Dabei werden Objekte, die nicht mehr dem Sammlungskonzept entsprechen, daraus entlassen und an andere Museen, Kollektionen oder private Interessenten weitergegeben beziehungsweise verkauft.

Objekte ohne Geschichte

Die Deakzessionierung soll zu einer qualitativen Verbesserung der Sammlungen und Schärfung deren Profils führen. Dass die Entsammlung drängt, hängt mit der eigenen Sammlungsgeschichte zusammen. «Das Museum hat lange Zeit klassisch gesammelt», erklärt Marc Höchner. Um 1900 umfasste die historische Sammlung etwa 2800 Objekte, die ohne Weiteres im Altbau Platz gefunden haben. Gerade in den 1980 Jahren kam es jedoch zu einem Sammelschub. Man wollte nun auch zeitgenössische Alltagsobjekte sammeln: Platten, Spielzeug, Bücher. Heute, gut 120 Jahre später, umfasst die Sammlung über 500 000 Objekte, gerade über die Alltagsgegenstände aus dem 20. Jahrhundert ist aber nur wenig bekannt. «Oft wissen wir nicht viel mehr, als dass dieses Spielzeug in China produziert wurde und dann irgendwie nach Bern gelangte». Neben den neueren Alltagsobjekten stehen zwei weitere Bestände im Fokus des Entsammelns. Zum einen volu­minöse Bauteile wie Kachelöfen, Steinplatten oder Zimmerdecken, die Anfang des 20. Jahrhunderts bei Umbauten oder Abrissen von Häusern gerettet und dem Bernischen Historischen Museum übergeben wurden, bevor es die kantonale Denkmalpflege gab. «Mittlerweile würden diese Bauteile allerdings besser in deren Depots passen», sagt Höchner. Zum anderen werden auch besonders grosse Objekte wie Schlitten oder Gemälde, die keinen Bezug zum Kanton Bern haben, auf eine Deakzessionierung hin geprüft. «Nur weil ein Gegenstand deakzessioniert wird, bedeutet das nicht, dass er keinen Wert hat oder es nicht wert ist, Teil einer Sammlung zu sein. Es gibt einfach passendere Orte für ihn als bei uns», stellt Marc Höchner klar und fügt mit Nachdruck an: «Wir sind kein Museums-Flohmarkt.» Die Angst um den eigenen Ruf ist real. Entsammeln ist oft noch immer ein Tabu für europäische Museen. Sie fürchten um ihren Ruf und die Unterstützung durch private Mäzene, wenn öffentlich bekannt wird, dass sie Sammlungsobjekte verkaufen. Ausserdem geht es dabei oft um Bestände, die liegen geblieben sind, oder deren Aufnahme in die Sammlung retrospektiv ein Fehler war. Es braucht Mut, als Museum die eigene Sammlungsgeschichte transparent und öffentlich zu durchleuchten. Und nicht zuletzt warnen historische Beispiele, wie etwa der Bildersturm zu Beginn der Neuzeit, vor einem leichtfertigen Umgang mit Kulturgütern. Deshalb wurden vom internationalen Verband der Museen (ICOM) ethische Richtlinien aufgestellt, wie Museen Entsammlungen angehen sollen. Daran hält sich auch das Bernische Historische Museum. So prüft es in einem ersten Schritt eine Abgabe an andere Museen. So geschehen bei einem Schlitten aus dem Hotel Rätia in Davos, der dem Rätischen Museum in Chur vermacht wurde. Nur wenn sich kein Museum für das Objekt interessiert, wird ein Verkauf an andere Institutionen oder Privatpersonen in Betracht gezogen. Im äussersten Fall kann ein Objekt auch entsorgt werden.

Keine Arche Noah

Die Diskussion ums Entsammeln beginnt aber schon viel früher: mit der Frage, was ein Museum eigentlich leisten, und welchen Platz die Sammlungen dabei einnehmen sollen. «Sammeln ist kein Selbstzweck, sondern dient der Produktion von Inhalten für eine Gegenwart und Zukunft. Das bedeutet, dass die Sammlung weder heilig noch unantastbar sein darf, sie muss verhandelbar bleiben», kritisiert Beat Hächler, Direktor des Alpinen Museums in Bern, die traditionelle, aber immer noch disziplinsübliche Meinung. Nach dieser ist das Museum eine Institution für die Ewigkeit. «Aber es ist nicht möglich, eine Arche Noah zu bauen», so Beat Hächler. «Wenn ein Objekt seit hundert Jahren nicht mehr hervorgenommen wurde, sollte zumindest darüber diskutiert werden können, inwiefern dieses Objekt für die Sammlung und das Museum noch relevant ist.» Für ihn steht die Beziehung zwischen der Öffentlichkeit und der Sammlung im Zentrum. Eine Sammlung muss Sinn generieren können, und zwar für eine Gesellschaft, die in der Gegenwart lebt und die Zukunft gestalten will. Diese Aufgabe wird nicht einfacher, wenn Sammlungen ungebremst wachsen und Objekte kaum wieder mit vertretbarem Aufwand aussortiert werden können. «Bisher sind die Hürden einfach noch immer sehr hoch. Die Frage des Entsammelns darf nicht durch zu strenge Richtlinien verunmöglicht werden.» Deshalb wünscht er sich eine offenere Diskussion, die nicht nur von Museumsspezialisten, sondern auch von Kulturförderung, Kulturverwaltung und der Öffentlichkeit geführt wird. Es geht schlussendlich nicht nur darum, was gesammelt wird, sondern auch, wer darüber bestimmen kann. Alles grundlegende Fragen, mit denen sich Museen in naher Zukunft beschäftigen müssen.

Dieser Text erscheint in Zusam­men­arbeit mit Journal B, dem Online-
Magazin, das sagt, was Bern bewegt.
www.journal-b.ch

 

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