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Sally de Kunst (rechts im Bild) initiiert gerne handfeste Aktionen.© Nelly Rodriguez
Museumsquartier, Bern

«Ich bin noch immer Kuratorin»

Bis 2024 soll im Kirchenfeld eine neue gemeinsame Museumslandschaft entstehen. Sally de Kunst koordiniert und leitet das Projekt Museumsquartier Bern seit gut einem Jahr. Im Gespräch erklärt sie, warum sie dazu als Erstes Direktor*innen eine Gartenschere in die Hand gab und wie sie ihre Erfahrung aus dem Kunstbereich einsetzt.

Sally de Kunst, Sie leiten das Projekt Museumsquartier Bern, das fünf Museen und sechs weitere Bildungs- und Kulturhäuser im Kirchenfeld näher zusammenbringen will. Beginnen wir mit grundlegenden Fragen: Was sind eigentlich Museen? Und wie baut man ein Quartier daraus?
Das sind grosse Fragen, eine einfache und einzige Antwort darauf gibt es kaum – oder noch nicht. Lieber spreche ich darüber, weshalb ich mich auf die konkrete Stelle beworben habe. Fasziniert hat mich, dass hier, im Kirchenfeldquartier, auf so engem Raum so relevante Themen verhandelt werden: Gleich hinter uns ist im Naturhisto­rischen Museum die Ausstellung «Queer» zu sehen, und das Alpine Museum nähert sich nebenan Nordkorea an. Ganze elf Institutionen befinden sich in Gehdistanz voneinander, darunter auch die Nationalbibliothek, das Stadtarchiv und das Gymnasium Kirchenfeld. Alles Orte, an denen eine Auseinandersetzung mit der Gesellschaft geschieht. Diese noch enger miteinander zu verknüpfen und öffentlich sichtbarer und zugänglicher zu machen, halte ich für eine Chance.

Ihr Büro ist ein Baucontainer auf einer Brache zwischen dem Historischen Museum, dem Museum für Kommunikation und dem Naturhistorischen Museum. Ein eher unkonventioneller Ort.
Genau, und das ist kein Zufall. Das Museumsquartier Bern ist ja tatsächlich «under construction». Wir wollen den Museumsgarten partizipativ, mit den Mitarbeitenden der Häuser, mit der Nachbarschaft und den Berner*innen zusammen, realisieren. Ich und meine neue Kollegin Regula Berger wollen dabei vor Ort ansprechbar sein.

Das Museumsquartier ist organisatorisch und städtebaulich ein auf mehrere Jahre angelegter Transformationsprozess. Wie gleist man so ein Riesending von unten nach oben auf?
Indem man on site beginnt, mit kleinen Schritten und Gesten. Dazu war es in einer ersten Phase wichtig, die involvierten Leute zusammenzubringen: die Direktor*innen, die Techniker*innen, die Kurator*innen, die Gestalter*innen, Kommunikationsleute. Manche arbeiteten seit Jahrzehnten in den Institutionen, ohne sich zuvor begegnet zu sein. Wir treffen uns seit vergangenem Sommer wöchentlich zu Mittagsstammtischen und hissen monatlich eine Flagge, um einander besser kennen zu lernen.

Sie haben den Leuten auch Gartenscheren in die Hand gegeben: Letztes Jahr begannen Sie damit, Löcher in die Hecke und den Maschendrahtzaun zwischen den Häusern zu schneiden.
Dieses Jahr haben wir nun den ganzen Zaun gemeinsam abgerissen. Das ist ein starkes Symbol für die Art unserer Kollaboration: Wir arbeiten in interdisziplinären Projektgruppen an einer Organisationsentwicklung. Gemeinsam haben wir eine Charta für unsere Zusammenarbeit erarbeitet und werden ab Herbst eine Organisationsstruktur entwickeln, die es uns ermöglicht, nachhaltig und effizient zusammenzuarbeiten. Parallel sind wir nun dabei, ein grosses Kooperationsprojekt zu erarbeiten, das 2024–2025 umgesetzt werden soll. Und wir bauen eine Dachmarke auf für das Museumsquartier. Es läuft vieles gleichzeitig.

In Zusammenarbeit mit der Stadt Bern und mit dem Stadtbaumeister Thomas Pfluger laufen auch Vorarbeiten für das Bauprojekt. Worum geht’s?
Bis Ende 2024 sollten einige Grundentscheide geklärt werden: Wird ein gemeinsames Sammlungsdepot gebaut? Wie wird der Museumsgarten gestaltet? Kommt ein neues Alpines Museum?

Sie wollen in dem ganzen Prozess die Nachbarschaft und die Bevölkerung mitnehmen. Wie machen Sie das?
Indem wir den Menschen Raum geben. Gleich hinter meinem Container legten Kinder als Teil eines Ferienprogramms selber einen Spielplatz an – sie konnten mit Presslufthammer den Asphalt aufbrechen und mit Kies ausfüllen. Mit einfachen Materialien wie Holz, Nägeln und Spraydosen entstand eine wilde Landschaft. Oder schauen Sie um sich: Die Stühle, die hier überall zum Sitzen einladen, stammen von Leuten aus der Bevölkerung. Wir haben vergangenen Sommer mit kleinen Plakaten einen Aufruf gemacht. Die Menschen sind von uns also konkret eingeladen, Platz zu nehmen und die Zwischennutzung und das entstehende Quartier mitzugestalten. An den Stühlen sind Etiketten angebracht, auf denen sie ihre Wünsche ans Museumsquartier festhalten. Und bald wollen wir auch Quartiervereine miteinbeziehen.

Gibt es die hier überhaupt? Mir kommt eigentlich nur der Tennisklub in den Sinn, ein eher exklusiver Verein. Ganz ehrlich: Das umliegende Quartier ist ja nicht bekannt für seine Zugänglichkeit. Es hat vorwiegend Botschaften und Residenzen hier im Kirchenfeld. Wie wollen Sie Berner*innen vermehrt hierherbringen und das Quartier beleben?
Ich denke, es gibt noch einiges zu entdecken, was das Vereinsleben und die Diversität des Quartiers angeht! Immerhin reicht es bis an den Ostring. Ich glaube sogar, dass wir hier gute Voraussetzungen haben, etwas Spannendes aufzubauen. Die Berner*innen laden wir am 26. August zum grossen Sommerfest hierher ein, aber auch mit unseren Sammelspaziergängen, die es ermöglichen, das Quartier flanierend zu erkunden. Unser nächstes Projekt «Mehr Natur» will die Biodiversität der Brache mit gezielter Bepflanzung fördern. In zwei Aktionstagen tauschen wir uns mit Expert*innen aus und greifen zur Schaufel.

Es fällt auf, dass Sie viel mit Ritualen, Gesten und Performances arbeiten. Vor Ihrer Aufgabe hier waren Sie im Kunstbereich tätig, etwa als Leiterin des experimentellen Festivals Belluard in Fribourg. Gibt es Parallelen zwischen Kuration von Kunst und dem Aufbau eines Museumsquartiers?
Absolut. Beides sind kreative Prozesse. Ich sehe mich in vielem immer noch als Kuratorin. Im ursprünglichen Wortsinn kommt das ja aus dem 
Lateinischen. «Curare» heisst, sich um Leute kümmern, also eine Gastgeberin zu sein. Diese Rolle mag ich: Ideen und Menschen zu befähigen und zu unterstützen. Mich interessiert es, wie man organisatorisch auf Augenhöhe und demokratisch arbeiten kann. Dieses Thema beschäftigte mich übrigens bereits als Kuratorin von Kunst: Ich fand es seltsam, dass wir Themen wie Dekolonialisierung oder Feminismus behandelten, die Organisationsstruktur der Kulturhäuser aber oft noch hierarchisch aufgebaut war. Von daher bewegte ich mich immer mehr in Richtung Prozess- und Organisationsmanagement.

Das Museumsquartier will Schranken aufheben. Wenn ich an Kulturhäuser oder Bibliotheken denke, sind diese abgeschlossene Orte, nicht zuletzt auch, weil sie konkrete Türen haben – und Eintritt verlangen. Werden diese Türen fallen?
Eines vorweg: Ich koordiniere das Projekt Museumsquartier, die Entscheidung, wie es letztlich städtebaulich realisiert wird, liegt aber nicht bei mir, ebenso wenig wie die Preispolitik der einzelnen Häuser. Wir stehen da sowieso noch ganz am Anfang, und die elf verschiedenen Institutionen sollen und werden weiterhin unabhängig voneinander weiterexistieren. Was ich aber sagen kann: Die Diskussionen darüber, wie Museen und Bildungsinstitutionen sich öffnen können – baulich, aber auch mit Angeboten, die nichts kosten, die werden breit und ohne Scheuklappen geführt. Mir gefällt der Gedanke, dass Museen eine Art dritte Orte sein können, in denen Menschen sich niederschwellig bewegen und bilden können, ähnlich wie in Bibliotheken. Es gibt viele spannende Ideen, die im Umlauf sind.

Eine davon ist die erwähnte Anlage eines gemeinsamen Sammlungsdepots. Heisst das auch, dass die Kulturhäuser enger bei der Konzipierung von Ausstellungen zusammenarbeiten werden?
Das Ziel ist tatsächlich, Ende 2024 auch ein gemeinsames Projekt zu präsentieren. Ob das in Form einer Ausstellung ist oder etwas ganz anderes, an diesem Punkt sind wir noch nicht. Inzwischen finden schon vermehrt kleinere gemeinsame Projekte statt, am 10. September etwa öffnen die fünf Museen im Museumsquartier gemeinsam ihre Depots. Wichtig scheint mir der grundlegende Gedanke, dass damit auch die Konkurrenz zwischen den Institutionen wegfällt. Eine solche Idee kann ja nur entstehen, wenn die vom Tisch ist. Ich kann nur sagen: Ich habe Freude an dem Weg, den wir zusammen gehen.

Was ist Ihrer Meinung nach eigentlich das beste Ritual, um Leute zusammen an einen Tisch zu bringen?
Essen! Zum Beispiel ein Couscous, wie es Najia Gobeli vom Reinigungsteam im Bernischen Historischen 
Museum für unseren Stammtisch #16 gemacht hat. Das gemeinsame Schnetzeln und Essen bringt Menschen zusammen und hebt Hierarchien auf. Alle machen mit und essen am selben Tisch. Ein Rezept, das wir übrigens etwas abgewandelt auch am grossen Sommerfest anwenden werden. Fünf Direktor*innen stehen hinter dem Tresen der Cocktailbar und werden für die Besuchenden Drinks mixen.

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