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Franz Gertsch war «inspirierter Beobachter» der ausschweifenden Feste in Reckenbühl: «Marina schminkt Luciano» (1975).© Franz Gertsch
Museum Franz Gertsch, Burgdorf

Im Aufbruch innehalten

Das Museum Franz Gertsch gratuliert mit «Die Siebziger» seinem Künstler zum 90. Geburtstag mit dessen Werken aus den 70er-Jahren. Eine Zeit, in der die Künstlerszene jung war und Franz Gertsch von ihrer Auf- und Umbruchstimmung fasziniert war.

Zu Beginn der Ausstellung «Franz Gertsch. Die Siebziger» hängt das Bild «Hua … !» aus dem Jahr 1969 an der Wand. «Es ist Franz Gertschs erstes grossformatiges Werk und das erste, mit dem er sich auf ein vorgefertigtes Bild – hier ein Still aus einem Film – bezogen hat», sagt Gastkuratorin Angelika Affentranger-Kirchrath. Es steht für den Aufbruch Gertschs im kommenden Jahrzehnt: 1972 wurde er von den renommierten Kuratoren Jean-Christoph Ammann und Harald Szeemann entdeckt und erlangte mit seiner persönlichen Auffassung von Foto­realismus internationale Anerkennung.

Neuer Lebensentwurf

Ein Motiv der ausgestellten Werke ist immer wieder der Luzerner Künstler Luciano Castelli. Mit Freundinnen und Freunden belebte der damals 20-Jährige eine alte Villa im luzernischen Reckenbühl. Sie machten das Leben zur Kunst, feierten Partys mit viel Glitzer, Schminke und extravaganten Kleidern, sie experimentierten mit neuen Kunstformen und stellten Geschlechterrollen infrage.

Gertsch fotografierte Castelli und seine Freunde als Vorlage für seine Bilder. «Das Ganze war für diese jungen Künstlerfreunde kein Spiel, es war ihnen ernst. Sie suchten über ihre Kunst nach einem neuen Lebensentwurf», sagt Affentranger-Kirchrath. So ist beim Betrachten des Bildes «Marina schminkt Luciano» die freudige Anspannung, die vor dem Fest herrschte, regelrecht zu spüren. Ein Innehalten, bevor es losgeht. Das Bild «Luciano I» zeigt Zigarettenstummel im Teller, umgefallene Tassen und Weinreste auf dem Tisch und Castelli mit abwesendem Blick, der vor diesem nachfestlichen Chaos sitzt. Auch hier ist eine ruhige Phase nach der wilden Festerei zu spüren.

Gertsch, der Beobachter

Gertsch war zu den Festen einge­laden, fühlte sich dem Künstlerkreis jedoch nicht zugehörig. «Er war inspirierter Beobachter», sagt Affentranger-Kirchrath. Castellis eigene Malereien, Fotografien und Objekte überliefern die damalige Stimmung hingegen mit viel weniger Distanz. Das Museum zeigt sie im kleinen Kabinett unter dem Titel «Luciano Castelli. Reckenbühl». Das Ende der 70er-Jahre symbolisieren Gertschs farblich dezentere Gemälde der amerikanischen Punkmusikerin und Poetin Patti Smith. Gertsch fotografierte sie während einer Gedichtlesung mit Konzert. Daraufhin besuchte ihn die Ikone persönlich im Atelier und Gertsch schuf ein drittes Bild, das auf einer Fotografie dieses Besuchs basiert.

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