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Im Stück scheitern und gewinnen Kandidatinnen im Wettbewerb.© Dorothea Tuch
Schlachthaus Theater, Bern

Da ist noch Luft nach oben

Das Theaterkollektiv Henrike Iglesias bringt mit «Under Pressure» ein Unterhaltungsformat im Stil einer Game-­Show auf Bühne und Bildschirm. In einer interaktiven und experimentellen Form setzt sich das Kollektiv mit dem Thema Leistungsdruck auseinander. Es ist beinahe schon zum Markenzeichen des Theaterkollektivs Henrike Iglesias geworden, auf der Bühne zu projizieren, was auf der Bühne passiert. So erhält das Publikum gleich mehrere Blickwinkel auf das Geschehen. Im Stück «Under Pressure» der in Berlin und Basel basierten Gruppe zieren Greenscreen, Leinwand und fünf Kameras die Bühne, die das Stück auch gleich über Stream als Sendung zugänglich machen. Es wäre im Schlachthaus Theater aufgeführt worden.

Drei Kandidatinnen messen sich und geben alles, um die Beste zu sein. Der Druck ist hoch, der Umgang damit wenig­ erfolgreich. Die elektronische Musik (Malu Peeters) erzeugt ganz im Sinne des Unterhaltungsformats einer Gameshow ununterbrochene Spannung und die Moderationsstimme der Game-Masterin (Anna Fries) leitet die Kandidatinnen an. Wer in den jeweiligen Kategorien am besten abschneidet, entscheidet sich mittels Publikumsvoting. Das Publikum stimmt zum Beispiel in der Kategorie «Best Lover» auf dem Handy darüber ab, welcher Teilnehmerin es am besten gelungen ist, die Zuschauenden zu bezaubern.

Was ein Unterhaltungsformat ist, ist gleichzeitig eine kritische Auseinandersetzung mit dem heutigen Leistungsdruck, mit dem wir tagtäglich konfrontiert sind, wie Anna Fries vom Kollektiv erklärt. «Beste, Schnellste, Schönste; im Stück wollen wir hinterfragen, wieso wir eigentlich in diesen Super­lativen denken.» Gleichzeitig sei es für das Kollektiv selber schwierig gewesen, das eigene Scheitern zu inszenieren: «Das konfrontierte uns mit unseren eigenen hohen Ansprüchen. Wir wollten auf der Bühne scheitern, aber auf eine trotzdem anspruchsvolle und unterhaltende Art. Einerseits wollten wir also unseren Leistungsdruck hinterfragen, andererseits nach wie vor das bestmögliche Stück auf die Bühne bringen», sagt Fries.

Sexpositivität und Solidarität

«Under Pressure» ist unterhaltend im Format und experimentell in der technischen Ausgestaltung sowie dem Fehlen eines klassischen Handlungsstrangs. Henrike Iglesias nehmen in ihren Stücken stets auch einen feministischen Blickwinkel ein. Ihre bisherigen Stücke waren klare Bekenntnisse zu feministischen Anliegen, im letzten, «Oh My», zu Sexpositivität. In «Under Pressure» seien die feministischen Perspektiven in das Format eingewoben. Etwa die Idee der Solidarität untereinander würden sie in «Under Pressure» im Subtext vermitteln. Aber auch mit Privilegien setzt sich das Kollektiv auseinander. Denn Feminismus sei nicht nur für die weisse, westliche Frau da. «Da kommt natürlich die Frage auf, welche Aussage wir zum Thema Leistungsdruck machen können. Eigentlich haben wir für den Wettbewerb im Leben perfekte Startvoraussetzungen, und trotzdem stehen wir unter ständigem Druck, wollen alles richtig und besser als die anderen machen», sagt Fries. Denn Scheitern, das sei in unserem gesellschaftlichen Narrativ ein absolutes No-Go – Ausser es gelinge, daraus eine Chance zu ziehen.

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