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Das Ensemble aus «freien Radikalen» verkörpert den Antihelden Richard Kraft. © Annette Boutellier

Die beste aller Zukünfte

Mit viel Gefiepe und Büropflanzen feierte Zino Weys resolut originalgetreue Bühnenfassung von Jonas Lüschers Roman «Kraft» Premiere in den Vidmarhallen. So rasant die Zeilen in Zino Weys Adaption von «Kraft» vorgetragen werden, so absichtlich seelenlos kommt dagegen das Bühnenbild daher. Davy van Gerven hat den Boden mit Migräne-blauem Spannteppich überzogen, es rauschen und fiepen die Störsignale, kaltes Neonlicht nimmt den einsamen Büropflanzen die letzte Schönheit. Willkommen im Spätkapitalismus. Aber leben wir nicht in der besten aller möglichen Welten? Diese Frage aller Fragen zur Theodizee bringt den Plot ins Rollen.

Laserpointer-Ensemble

Richard Kraft, der Antiheld dieses Stücks, einer Adaption des Romans von Jonas Lüscher, plädierte in den 80er-Jahren für die neoliberale Politik von Thatcher und Reagan, aber nun, verschuldet und im mittleren Alter angekommen, geht ihm der Optimismus langsam ab. Doch just dann erhält er eine Anfrage: Tobias Erkner, Silicon­Valley Tycoon, verspricht, die beste Antwort auf die «Theodizee-Frage» mit einer Million Dollar Preisgeld zu honorieren. Wenn der Rhetorikprofessor Kraft erfolgreich argumentieren kann, «warum alles, was ist, gut ist, und wir es dennoch verbessern können», sind seine finanziellen Probleme gelöst. Er fliegt aus Tübingen nach Stanford, wo er nicht nur seine geschmäcklerischen Argumente, sondern auch sein Leben Revue passieren lässt.


Regisseur Wey vertraut der Sprachmacht von Lüschers Roman. Der Autor schrieb «Kraft» in der dritten Person, und Wey behält dies auf der Bühne dank seinem Ensemble aus «freien Radikalen» genau so bei. Abwechselnd nehmen Grazia Pergoletti, Nico Delpy, Florentine Krafft, Julian Lehr, Marie Popall und Alexander Maria Schmidt die Rolle der allwissenden Erzählerin oder des Erzählers ein, und führen das Publikum durch die Handlung. Fast alle verkörpern aber auch Richard Kraft selbst.


Dass Kraft als Hauptfigur dabei wie ein zittriger Laserpointer von Person zu Person springt, macht aus mehreren Gründen Sinn: Es unterstreicht die diskursive Energie von Lüschers Text, es erinnert uns daran, dass Kraft letztlich mehr ein Symbol für uns alle ist als ein Individuum, und es hilft jenen, die nicht zur Kategorie der «old white men» gehören, sich etwas leichter mit ihm zu identifizieren.

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