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Lockert die Theateretikette: Jess Thom.© James Lyndasy

Die Erlaubnis, entspannt zuzuschauen

Entspannen im Zuschauersaal, als Mensch mit Beeinträchtigung, als Mensch, der laut lacht oder als jemand, der lieber liegend ein Konzert geniesst. Ein Gedankenexperiment in Zeiten des Umdenkens und Umplanens.

Bei all der Planungsunsicherheit, dem faktischen Berufsverbot im Kanton Bern und der steten Ungewissheit um Auftritte, Lohn und Zukunft bleibt eine wichtige Eigenschaft der Kultur auf der Strecke: sie soll Raum bieten, um gesellschaftsrelevante Ideen mit revolutionärem Charakter zu wälzen. Die allseits geforderten Schutzkonzepte könnten auch Spielraum für Ideen schaffen, die den Zuschauerraum betreffen. Wer hat gesagt, dass nur Abstände eingehalten und Desinfektionsmittel bereitgestellt werden sollen?

Zum Beispiel: im Sitzsack

Ohne Corona sitzt man unbeweglich Oberschenkel an Oberschenkel auf seinem Sitzplatz und hofft, dass das Ricola griffbereit und das Handy lautlos gestellt ist. Diese Saalbestuhlung ist effizient, die Stille absolut – gemeinsam sind sie exklusiv. Was aber, wenn hier mehr Abstand herrschte, um die Beine zu strecken, um sich auszustrecken, zum Beispiel auf einem Sitzsack? Könnte man so ein Konzert anders, besser geniessen? Der Berner Schlagzeuger Simon Baumann ist gemeinsam mit Stephan Eicher und Rainier Lericolais Die Polstergruppe, die Live-Ambient-Installationen anbietet, respektive Liegekonzerte.

Zum Beispiel: Relaxed Performance

Im schwedischen Film «The Square» (2017) von Ruben Östlund eskaliert ein Künstlergespräch über «menschliche Antworten auf Kunst» wegen eines Mannes mit Tourette-Syndrom. Er ruft ständig «Fuck off» und klatscht, je angespannter die Stimmung wird, umso wilder in die Hände. Die Szene geht auf einen Theaterbesuch Östlunds zurück, an dem ein Mann mit Tourette im Publikum sass. Östlund erfuhr, dass der Mann im Theater allen bekannt und sein Verhalten akzeptiert ist. Einzige Abmachung: er trägt Handschuhe, so dass sein Klatschen weniger laut hallt.

Die britische Künstlerin Jess Thom hat auch das Tourette-Syndrom und wurde mehrfach aus dem Zuschauerraum spediert. Das animierte sie, selbst auf die Bühne zu gehen und Relaxed Performances, eine britische Inklusionsidee fürs Theater, durchzuführen. Thom, die 2019 am Festival Auawirleben in Bern auftrat, definiert es in einem Fernsehinterview so: «Relaxed Performance richtet sich an Menschen, die nicht den üblichen Theateretiketten folgen können. Sei dies wegen Autismus, einer Lernschwäche, Tourette-Syndrom, einem lauten Lacher oder einem Baby.»

Zum Beispiel: Erlaubnis, laut zu sein

Das Arsenic in Lausanne hat nebst fünf anderen Westschweizer Theaterhäusern Relaxed Performances eingeführt. Das Vorgehen: In Abmachung mit den Performern wird eine Vorstellung des Gastspiels als Relaxed Performance abgehalten. Dabei wird der Saal nicht ganz abgedunkelt, es gibt eine Einführung, das Foyer ist offen, man kann rein und raus gehen, einige Effekte werden etwas heruntergefahren. Das Wichtigste: «Wir erlauben den Leuten explizit, laut zu sein», sagt Arsenic-Leiter Patrick de Rham. Es hätte viel Aufbau­arbeit gekostet, Leute zu überzeugen, dass sie im Theater doch willkommen seien. «Nach drei Jahren können wir feststellen, dass die Leute Vertrauen gefasst haben und wiederkommen.»

In der Heiteren Fahne in Wabern ist diese Haltung selbstverständlich. Hier sind alle Menschen, ob laut, leise, mit oder ohne Beeinträchtigung, bei jeder Veranstaltung mitgemeint. «Eine vertrauensvolle Beziehung zu den Institutionen und Heimen ist entscheidend dafür, dass Menschen mit Beeinträchtigung zu uns an Kulturanlässe kommen», sagt Rahel Bucher, die das Theateratelier leitet und Mitbegründerin der Heiteren Fahne ist. Ein Besucher bestätigte dies nach einer Aufführung vom Theater Hora, die schon etwas zurückliegt: «An einigen Orten wirst du blöd angeschaut wenn du mit dem Rollstuhl kommst. Manchmal machen sie Platz, aber helfen tun sie selten. Ich hoffe, dass es mehr Orte wie hier gibt.»

Warum also nicht die Krise nutzen, um sich von allzu strengen Gewohnheiten zu verabschieden? Schliesslich soll es allen zustehen, nach langer Durststrecke endlich wieder Kultur geniessen zu können.

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