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Sittenbild eines Skandals des ausgehenden 19. Jahrhunderts. © Severin Nowacki
Das Theater an der Effingerstrasse, Bern

Eklat in der Belle Époque

Regisseur Markus Keller adaptiert Lukas Hartmanns Buch «Ein Bild von Lydia» für die Bühne. Es erzählt die Geschichte der reichsten Erbin der Schweiz Lydia Welti-Escher, die im 19. Jahrhundert durch eine Affäre für Aufsehen sorgte. Was zurückbleibt ist ein Bild: Sie ist im Profil zu sehen, sitzt auf einem Stuhl, die Hände sorgsam im Schoss gefaltet. Das weisse Kleid weist unzählige Nuancen auf, der Blick richtet sich direkt den Betrachtenden zu. Ein schüchternes Lächeln lässt sich im Gesicht von Lydia Welti-Escher erahnen. Das Bild fertigte der Berner Künstler Karl Stauffer-Bern 1887 an, mit dem die reichste Erbin der Schweiz – ihr Vater war Eisenbahnunternehmer – mehr verband als nur eine Freundschaft.

Den Kopf verlieren

Das Gemälde findet sich im Bühnenbild der Inszenierung von «Ein Bild von Lydia» nach dem Buch von Lukas Hartmann wieder. Der Kopf ist jedoch verwischt. Programmatisch für die Geschichte, die folgt? Das langjährige Dienstmädchen Luise (Larissa Keat) erzählt ihrem Verlobten Henri (Fabian Guggisberg) in Rückblenden die damals skandalöse Liebschaft zwischen Welti-Escher (Nicola Trub) und dem Lebemann und Künstler Stauffer-Bern (Simon Käser). Die Gebildete und Kunstinteressierte entflieht ihrer monotonen und einsilbigen Ehe mit Friedrich Emil Welti (Oliver Daume), Sohn des Bundesrates Welti. Doch das Glück währt nur kurz. Gekränkt veranlasst der gehörnte Ehemann die Scheidung, lässt Stauffer-Bern inhaftieren und weist seine Frau in die Irrenanstalt ein.

Für Autonomie gestraft

Regisseur Markus Keller adaptiert die Lebensgeschichte nahe am Buch. Geschickt verwebt er zwei Erzählebenen, Jetztzeit und Rückblende, organisch ineinander, was dem zweistündigen Stück Dynamik und Tempo verleiht. Sorgfältig inszeniert er die Biografie von Welti-Escher, hervorragend verkörpert durch die deutsche Schauspielerin Nicola Trub, und veranschaulicht dabei die dramatischen Rollenverhältnisse von Mann und Frau in vergangenen Zeiten. So musste Welti-Escher nach der Scheidung dem Ex-Mann eine horrende Summe bezahlen, wurde von den Zürcher Gesellschaften geächtet und lebte bis zu ihrem tragischen Ende in Genf. Eine Spur hat die Kunstaffine trotzdem hinterlassen: Sie gründete die Gottfried-Keller-Stiftung, die heute mehr als 6500 Bilder beherbergt.

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