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Ein Populist in der Box ist ein Anchorman in der Krise: Nico Delpy als Howard Beale. © Annette Boutellier
Vidmar 1, Liebefeld

Flimmernde Manie

Drei- statt zweidimensional: Regisseur Johannes Lepper inszeniert für Konzert Theater Bern den prophetischen Filmklassiker «Network» in einer Schweizer Erstaufführung.

Veranstaltungsdaten

SA 27.02.2021 19.30

«If it doesn’t spread, it’s dead», konstatierte der amerikanische Medienwissenschaftler Henry Jenkins 2008: Wenn es sich nicht verbreitet, hat es sich totgelaufen. Jenkins bezog sich damals vor allem auf Memes und andere virale Internet-Phänomene, aber eigentlich, findet Johannes Lepper, könne man diese Maxime doch auch gut auf eine Pandemie anwenden. Noch hat das Coronavirus allerdings leider nicht an Schub verloren, und die Kulturszene kämpft, wie andere Branchen auch, um das Überleben. Am 6. November hätte «Network» in Bern mit Lepper als Regisseur Premiere feiern sollen; die Bühnenadaption der Mediensatire von Sidney Lumet hätte das Publikum just dann erreicht, als Millionen Menschen weltweit gebannt auf das Resultat der US-Präsidentschaftswahl warteten. «Das Timing wäre wirklich perfekt gewesen», so Lepper. Weiter als bis zur Generalprobe kamen der Regisseur und sein Ensemble bisher leider nicht. Genau wie zahlreiche andere Kulturschaffende im Kanton Bern hofft Lepper, dass ab Ende November wieder Theatervorstellungen möglich sind.

Alles für die Quote?

Die Schweizer Erstaufführung von «Network» wurde von Lee Hall für die Bühne adaptiert, basierend auf dem Drehbuch von Paddy Chayefsky. Der Film von Lumet, der 1976 in die Kinos kam, wurde mit mehreren Oscars ausgezeichnet und von der Kritik für seine scharfäugige Sicht auf die Medienlandschaft, insbesondere das Fernsehen, gelobt. Lepper findet es spannend, nun in einem Theaterstück über die Macht des Fernsehens nachzudenken: «Es ist, als würden wir von einem Medium ins andere hineinblicken.» Die Hauptfiguren des Stücks sind zwei Menschen, die alles für eine gute Quote tun würden: Einerseits Diana Christensen, die Programmchefin des News-Netzwerks UBS, und andererseits der Nachrichtensprecher Howard Beale. Zwar ist Beale ein respektierter Anchorman beim Sender, doch seit einiger Zeit sind seine Quoten so tief, dass Christensen und ihre Vorgesetzten beschliessen, ihn zu entlassen. Beale, verzweifelt und nicht mehr ganz zurechnungsfähig, gibt kurzerhand in seiner Sendung bekannt, dass er sich in der nächsten Ausgabe live im Fernsehen erschiessen wird. Und siehe da, die Quoten steigen wieder, sehr zur Freude der Programmchefin.

Ein Populist in den letzten Zügen

Ein einst mächtiger weisser Mann, der es wie kein Zweiter versteht, die Aufmerksamkeit an sich zu reissen, und dann plötzlich in Ungnade fällt beim Volk: Ein paar Dinge haben Howard Beale und der abgewählte US-Präsident durchaus gemeinsam. Lepper sieht Parallelen – und möchte dennoch differenzieren: «Howard Beale ist ein Stück weit ein Populist wie Trump, er sagt genau das, was die Leute hören wollen. Aber er ist auch psychotisch, er hört Stimmen, da hören also die Gemeinsamkeiten auf.» Mit dem Bühnendesign von Doreen Back, Kostümen von Sabine Wegmann und Sound von Lepper wird dieser halluzinatorische Aspekt der Geschichte spürbar.

Videoeinspielungen von Dennis Siebold simulieren derweil nicht unbedingt das Fernsehstudio an sich, sondern das Gefühl des Nachrichten-Überflusses. Die Bühne, findet Lepper, müsse sich keineswegs hinter dem Fernsehen verstecken: «Das Theater ist ein sehr viel schnelleres Medium als das Fernsehen.» Die Schnelligkeit liegt nicht in der Fähigkeit des Theaters, sich gleichzeitig in Millionen von Haushalte einzuschalten, aber darin, eine Gruppe von Menschen einen Abend lang unmittelbar – und manchmal auch unerbittlich – zu unterhalten. 

 

Events zu diesem Artikel

Bühne

NETWORK

VON LEE HALL. NACH DEM FILM VON PADDY CHAYEFSKY  Vidmar 1, Liebefeld 27.02.2021, 19.30

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