mitgliederwerden grey iconMitglied werden
Archiv
Grazia Pergoletti: «Nich alle Menschen haben das Clubisten-Gen.»© Lisa Brand, einbrandfoto
Konzert Theater Bern

«Herauszufinden, wie es schwingt, das ist spannend»

Grazia Pergoletti ist noch bis Ende Saison Ensemblemitglied von Konzert Theater Bern. Im Gespräch erzählt sie von ihren Anfängen in einem besetzten Haus, ihrer Plattensammlung und von den vielen Rollen, die sie spielen durfte.

Grazia Pergoletti, woran arbeiten Sie gerade?
Ich arbeite unter anderem gemeinsam mit Meret Matter an unserem Jubiläumsprogramm für das dreissigjährige Bestehen des Club 111. Meret führt Regie, geschrieben haben wir das Stück gemeinsam. Der Comedian Gabriel Vetter steuert ein paar Szenen bei.

Worum geht es im Stück?
Es dreht sich um eine Bundesrätin, die etwas verändern will. Sie glaubt, der Grundsatz, dass alle die gleichen Rechte haben, müsse endlich durchgesetzt werden. Es gehe nicht, dass Leute, deren Wohlstand auf Verbrechen gründe, in unserem Land unbehelligt das Leben geniessen könnten. Sie stellt schliesslich eine weibliche Taskforce zusammen, die in einem U-Boot im Genfersee stationiert ist, in der Nähe von Villen der Superreichen.

Spielen Sie diese Bundesrätin?
Nein. Ich spiele eine Frau, die Teil dieser Taskforce ist. Alle diese Frauen kämpfen mit Widersprüchen. Auch das Eingesperrtsein dieser vier Frauen sorgt für Spannungen. Das passt sehr gut zur aktuellen Lage.

Wir leben in komischen Zeiten. Sehnen Sie sich manchmal nach der Vergangenheit, als alles ein wenig unbeschwerter war?
Ja. Vor allem in Bezug auf meine 28-jährige Tochter. Ich wünschte mir, dass sie diese Unbeschwertheit wieder mehr erleben kann. Aber ich glaube eigentlich fest daran, dass sich die Situation wieder normalisieren wird. Es ist nicht die erste Pandemie, die die Menschheit erlebt. Wir brauchen jetzt einfach Geduld.

Sie haben als junge Frau in einem Plattengeschäft gearbeitet und verfügen über eine grosse Plattensammlung. Was hören Sie momentan?
Lustig, dass Sie diese Frage stellen. Ich habe gerade Abende damit verbracht, meine Plattensammlung mit rund 8000 Platten durchzuhören. Ich knöpfte mir die Achtzigerjahre vor und zog Platten raus, die ich 30 Jahre lang nicht hörte.

Was zum Beispiel?
Gestern habe ich «Hommage à Duras» gehört. Dabei haben Musikerinnen und Musiker aus dem Experimentalbereich Texte von Marguerite Duras vertont.

Sie sind nicht nur als Schauspielerin, sondern als DJ bekannt. Was steckt hinter dem Namen Sister Knister?
Es gibt in Deutschland einen DJ, der Mister Knister heisst. Als wir zusammen aufgelegt haben, bin ich auf die Idee gekommen, mich Sister Knister zu nennen. Das passt sehr gut, weil meine Platten vom vielen Auflegen ein bisschen mitgenommen sind, sie knistern.

Legen Sie noch regelmässig auf?
Nur noch selten. Und wenn, dann lege ich zu zweit auf, meist mit DJ-Partnerin Kami Katze, hinter der die Theaterschaffende Renate Wünsch steckt. Einmal habe ich auch mit meiner Tochter Lula Pergoletti aufgelegt. Das war auch sehr amüsant.

Sind Mutter und Tochter musikalisch auf einer Wellenlänge oder lebt es vom Kontrast?
Beides. Durch sie bleibe ich am Puls der Zeit. Sie hingegen liebt an meinem Repertoire insbesondere die elektronischen Sachen aus den Neunzigerjahren, den Trip-Hop.

Auch in ihrem 1989 gegründeten Theater Club 111 spielte Musik eine wichtige Rolle …
Wir haben viele Partys geschmissen. Die Nummer 111 war die Hausnummer der Wohngemeinschaft, in der ich gemeinsam mit Ruth Schwegler gewohnt habe. Eine Sause ist natürlich auch zum Jubiläum geplant. Aber wir verlegen das in eine Zeit, in der man eine Party machen kann, die diesem Begriff gerecht wird.

Was macht Club 111 aus?
Es gibt so einen Begriff unter uns, der heisst «Clubismus». Nicht alle Menschen haben das Clubisten-Gen. Bei uns herrscht immer Überforderung, aber eine kreative, positive Überforderung. Das hat damit zu tun, etwas zu realisieren, das am Anfang aussichtslos erscheint. So haben wir etwa anfangs ohne Geld ein fünfteiliges Science-Fiction-Stück auf die Bühne gebracht. Wir sind verwurzelt in der Popkultur und haben dadurch ein neues Publikum generieren können. Leute, die sonst nur an Konzerte gingen, kamen plötzlich ins Theater.

Diese Begegnung mit Meret Matter: Kann man von einer schicksalshaften Begegnung sprechen?
Auf jeden Fall. Viele Entscheidungen, die man trifft, trifft man intuitiv. Wir haben zuerst zusammengearbeitet und dann sind wir Freundinnen geworden. Dann hat es Klick gemacht. Anna
Gossenreiter macht für 3sat übrigens gerade einen Dokumentarfilm über uns. Er wird am 12. Dezember ausgestrahlt.

Wie würden Sie diese Freundschaft mit Meret Matter beschreiben?
Was uns verbindet, ist sicher der ähnliche Humor. Und der Style – damit meine ich, dass wir Inhalt und Form nicht voneinander trennen. Und auch, dass man Konflikte aushält und gemeinsam durchsteht gehört zu unserer Freundschaft.

Zwischen 2002 und 2007 haben Sie zum Ensemble von Konzert Theater Bern gehört. Wie hat das die Freie Szene aufgenommen?
Das waren damals nicht mehr zwei völlig voneinander getrennte Welten. Es war die Zeit, als Christoph Marthaler in Zürich am Schauspielhaus als Intendant tätig war. Das hat zu einer Durchmischung geführt. Man kann nicht mehr sagen, dass nur die Freie Szene progressives Theater macht.

Wie war es früher?
In den Neunzigerjahren hat mich das etablierte Theater an den Stadt-
theatern kaum interessiert. Ich und viele andere aus meiner Generation hatten keine Ambitionen, für diese Häuser zu spielen.

Warum hat sich das verändert?
Die grossen Häuser haben Schritte in Richtung Öffnung gemacht. Sie mussten dies auch, weil das Publikum sich verändert hatte. Umgekehrt hat die Freie Szene Schritte Richtung Professionalisierung gemacht. Sie werden auch finanziell mehr unterstützt.

Als Erich Sidler die Theatersparte übernahm, mussten Sie das Ensemble verlassen. Rechnet man als Schauspielerin jederzeit mit einem Rauswurf?
Bei einem Wechsel muss man schon damit rechnen. Für mich persönlich war es auch nachvollziehbar. Ich fand interessant, was Sidler vorschwebte, aber ich passte da nicht rein.

Dann hat man Sie zurückgeholt …
Cihan Inan hat mich fest ins Ensemble geholt. Ich habe mich mit meinen Kolleginnen und Kollegen sehr wohl gefühlt. Jetzt kommt erneut ein Leitungswechsel, und wir müssen fast alle gehen, was ich sehr bedaure.

Wussten Sie schon als Kind, dass sie Schauspielerin werden wollten?
Ich bin in einem Umfeld aufgewachsen, in dem man gar nicht wusste, dass die Schauspielerei ein Beruf ist. Ich habe einen Migrationshintergrund, wie man heute so schön sagt. Mein Vater war Italiener, meine Mutter Deutsche und Schweizerin. Mein Vater wollte, dass ich etwas «Richtiges» lerne, um einen Fuss in diese Gesellschaft setzen zu können.

Sie haben es trotzdem an eine Kunsthochschule geschafft. Wie haben die Eltern reagiert?
Ich wohnte damals schon nicht mehr zu Hause. Ich bin mit 17 in ein besetztes Haus in Basel gezogen. Mein Vater machte sich viele Sorgen, die Mutter hat mich hingegen bedingungslos unterstützt. Ich ging auf die Kunsthochschule, um Bühnenbildnerin zu werden. Aber ich habe gemerkt, dass ich mich wahnsinnig anstrengen muss, und trotzdem im Mittelfeld bleibe.

Sie seien ein Kunstgewerbepunk mit «Neonpullöverli» gewesen, haben Sie mal gesagt. Das klingt harmlos.
Die richtigen Punks haben mich nicht ernst genommen. Schon allein die Tatsache, dass man eine Ausbildung ins Auge fasst, sorgte damals für sehr viel Misstrauen.

Sie sind von Basel nach Bern gekommen, um Ihre Theaterausbildung im Theater 1230 zu machen. Was war das für eine Schule?
Es war damals an vielen Schulen verpönt, bereits während der Ausbildung aufzutreten. Beim 1230 konnte man im Kleintheater auftreten. Das hat mir gepasst.

Wird man als Schauspielerin irgendwann in Schubladen gesteckt?
Ich habe für Konzert Theater Bern extrem verschiedene Sachen gemacht, wenn ich mir so die Fotos anschaue, sehe ich immer komplett anders aus. Das gefällt mir (sucht in ihrem Handy nach einem Bild). Hier trage ich einen «Facekini», in meiner Rolle als Wissenschaftler, im Stück «Das Resort». Das tragen Chinesen am Strand, um nicht braun zu werden.

Wie nähern Sie sich einer Figur an?
Jeder Arbeitsprozess ist anders, weil auch die Regiepersonen extrem unterschiedlich sind. Die Herangehensweise muss sich am Groove des Projektes orientieren. Herauszufinden, wie es schwingt, das ist spannend.

Ihre prägendste Rolle?
Unter anderem verkörperte ich im Stück «Pate 1 bis 3» (2009) alle Frauenrollen. Von der 18-Jährigen bis zur Grossmutter. Manche Szenen haben wir 1:1 aus dem Film nachgespielt. Wenn ich Diane Keaton am Bildschirm sehe, habe ich das Gefühl, sie sei eine Freundin von mir. So oft habe ich mir ihre Szenen angesehen.

Ist es schwierig, Mutter und Schauspielerin gleichzeitig zu sein?
Das ist schon anspruchsvoll. Aber für mich war es genau richtig. Ich möchte gar nicht wissen, wie ich heute wäre, wenn ich nicht noch dieses Gegengewicht im Leben gehabt hätte. Ein Kind relativiert die Dinge. Wenn du auf hundert bist wegen einer miesen Kritik und dann legst du dich ins Bett und neben dir atmet so ein kleines Wesen, dann denkst du «Scheiss drauf» – eine Kritik, das ist einfach nicht so wichtig.

Wie schwer nehmen Sie heute Kritik?
Nicht mehr so schwer. Wir brauchen diese Kritiken ja auch. Die Schwierigkeit der Schauspielerei ist, dass man sich eine dicke Haut zulegen muss und gleichzeitig durchlässig bleiben sollte.

Gibt es eine Rolle, die Sie unbedingt noch spielen möchten?
Ich würde gerne mal so eine Figur wie die Polizistin im Film «Fargo» spielen. Dieses Unerschrockene, aber Unaufgeregte gefällt mir. Sie ist einfach «saucool».

Anmeldung Newsletter

Wetter in Bern

laden