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Auch Marie Popall spielt Raskolnikow.© Annette Boutellier
Vidmar 1, Liebefeld

Körper im Ausnahmezustand

Wie haben wir es mir der Moral? Henri Hüster inszeniert «Schuld und Sühne» von Dostojewski als körperliches und auf fünf Spielende aufgeteiltes Theater.

Veranstaltungsdaten

FR 26.06.2020 19.30

Raskolnikow ist ein Mörder. Er hat die Pfandleiherin Aljona Iwanowna umgebracht und kurz darauf im Affekt ihrer Schwester mit einem Beil den Schädel gespalten. «Es ist beinahe erschreckend, wie sehr man beim Lesen mit der Figur mitgeht. Er nimmt einem von der ersten Buchseite an bei der Hand», sagt die Dramaturgin Lea Lustenberger. Sie hat zusammen mit Regisseur Henri Hüster die Bühnenfassung des rund 800-seitigen Romans «Schuld und Sühne» von Dostojewski erstellt. Bei der Kondensierung des Klassikers sei ihnen wichtig gewesen, die Nähe zum Protagonisten beizubehalten. «Man befindet sich beinahe in seinem Kopf. Er hadert mit sich selbst und ist von Selbstzweifeln geplagt», so komme man fast nicht umhin, Empathie für die getriebene Figur zu empfinden.

Die Gespaltenheit des Protagonisten wird in Hüsters Inszenierung von fünf Schauspielerinnen und Schauspielern abwechselnd verkörpert – «eine Figur auf fünf Körper verteilt»: Nico Delpy, Grazia Pergoletti, Marie Popall, Jonathan Loosli und David Brückner spielen sowohl Raskolnikow als auch weitere Figuren.

 

Grundmenschliche Fragen

Der Schock der Tat, von dem Raskolnikow physisch eingenommen ist, dieser körperliche Ausnahmezustand, wird in Hüsters Inszenierung mit Bewegungsabläufen sichtbar gemacht, die die Choreografin Vasna Aguilar mit den Schauspielerinnen und Schauspielern eingeübt hat.
Von Thomas Mann als «grösster Kriminalroman aller Zeiten» bezeichnet, geht es in «Schuld und Sühne» nicht darum, einen Mord aufzulösen, sondern um die Frage, «ob sich der Mörder seine Schuld eingesteht». Das mache den Roman, der von den gesellschaftlichen Umwälzungen des 19. Jahr­hunderts geprägt ist, auch so zeitlos: «Es geht um grundmenschliche, existenzielle Fragen: Was passiert mit uns, wenn religiöse oder moralische Grenzen überschritten werden?»

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