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Choreograf Boris Charmatz setzt sich in " «10 000 gestes» mit der Individualität auseinander.© Tristram Kenton, MIF
Dampfzentrale, Bern

Im Vogelschwarm der Individualität

Das Festival Tanz in Bern ist heuer «einzigartig». Während zwei Wochen wird das Konzept von vielen internationalen Tanzgruppen, einem Solokünstler und einem dichten Kontextprogramm in der Dampfzentrale verhandelt. Was passiert, wenn 20 Leute gleichzeitig individuell tanzen wollen? Das absolute Chaos bricht aus, die ab­solute Überforderung. Aufmerksamkeitsheischende Egos fordern ihren Moment im Rampenlicht. Keine Interaktion. Jeder für sich. In der Dampfzentrale eröffnet der französische Choreograf Boris Charmatz das zweiwöchige Festival Tanz in Bern mit 20 Tanzenden und seinem Stück «10 000 gestes». Das Stück zielt mitten ins Thema des Festivals: «Einzig­artig».

Ideal, nicht Diagnose

Die Idee des Starchoreografen: Jeder Tanzende erarbeitet 500 indivi­duelle Bewegungen. Präsentiert man das in rasendem Tempo, ist jede Geste so flüchtig, dass sie schon verblasst, bevor sie zu Ende performt ist. Charmatz, laut der «New York Times» einer, der mit «DNA von Tanz spielt», sagt, dass er bewusst «keine gute Choreografie» ­anstrebe, sondern einen einzigartigen «Friedhof der Gesten». Zwingend mit der Frage nach Einzigartigkeit verbunden ist die Frage, warum Individualität zum Ideal erhoben wird, aber um keinen Preis Dia­gnose sein will. Dazu liefert auch das dichte Kontextprogramm des Festivals weitere Anregungen.

«Every Body Electric» der österreichischen Choreografin Doris Uhlich handelt ebenfalls von der absoluten Individualisierung. Das hat mit den neun Protagonisten mit physischer Behinderung zu tun, deren Körper einzigartig sind und mit Prothesen, Krücken und Rollstühlen erweitert sind. Aber auch mit ihrem Konzept des «energetic icon»: Dieses meint einen individuell entwickelten Energietanzschritt, der viel Dynamik freisetzt.

Synchronisierung als Muster

Weil im Solo das Hinausstechen hinfällig wird, ist das diesjährige Programm von Tanz in Bern mit Ausnahme des Solos von Trajal Harrell sehr gruppenlastig. Mit «Ion» präsentiert Christos Papadopoulos eine gruppendynamische Ganzkörperbewegung, wie man sie von Vogelschwärmen kennt. Synchronisierung als Bewegungsmuster, zu dem sich Tanzende bekennen oder nicht, darum geht es ihm mit seiner Truppe, die er als ­«moving company» bezeichnet. Lisi Estaras und Ido Batash hingegen versuchen nichts Geringeres als die tänzerische Suche nach einem jüdischen Gruppen- und Gemeinschaftsgefühl. Im humorvollen «The Jewish Connection Project» tanzen darum nebst Tanzprofis auch Berner Laien.

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