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Schauspieler Bruno Cathomas inszeniert den «Drachen» für die Gegenwart.© Bruno Cathomas
Bühnen Bern, Vorplatz Vierte Wand

«Ist der eine Drache tot, kommt der nächste»

Schauspieler Bruno Cathomas inszeniert für Bühnen Bern den Jewgeni-Schwarz-Klassiker «Der Drache» als Open-Air-Theater vor dem Restaurant Vierte Wand. Bei einem Kaffee vor Ort spricht er über die Schwäche der Menschen für Diktaturen aller Art – und warum ihm das Überleben in Bern Mühe bereitet.

Bruno Cathomas, Sie inszenieren mit «Der Drache» ein Stück, das 1943, mitten im Krieg, von einem Russen geschrieben wurde – eine Farce gegen die Diktatur und Gewalt, die damals von Hitler ausging, und gegen die Bereitschaft der Menschen, zu kollaborieren und sich zu unterwerfen. Aktueller könnte ein Stück nicht sein.
Manche Interpretationen liegen auf der Hand. Es muss im Stück kein Name fallen, um zu verstehen, welcher Diktator heute Angst und Schrecken verbreitet – und mit wem sich viele auf die eine oder andere Art arrangieren. Das Stück lässt die Deutungen aber offen. Und Drachen gibt es ja in jeder Zeit verschiedene. Ursprünglich wollte ich den Stoff als Antwort auf die Coronakrise und die Hysterie und den Wahn, mit dem die Menschen darauf reagierten, inszenieren. Dass die Geschichte mit dem Krieg nun noch eine ganz andere Deutung erhält, sah ich nicht voraus. Aber sie passt. Leider.

Der Drachentöter Lanzelot ist im Stück der Aussenseiter – und alles andere als herbeigesehnt.
Das ist der tragisch-komische Clou. Ist der eine Drache tot, kommt der nächste. Das Geniale an Schwarz’ Komödie ist, dass sie dem Publikum mit dem Mittel der Farce diesen zeitlosen Mechanismus vor Augen führt. In der Sowjetunion war das Stück nach der Moskauer Uraufführung 1944 lange Zeit verboten, man konnte es eben nicht nur als Kritik an Hitler verstehen. «Der Drache» spricht immer in die Gegenwart und ist mehrdeutig.

Die Figur von Lanzelot versteht nicht, dass die Leute sich nicht gegen den Drachen wehren. Verstehen Sie es?
Ich glaube, es geht darum, dass die Leute nicht damit zurechtkommen, ohne Macht zu leben. Es macht ihnen Angst, frei zu sein und nicht immer weiterzuwissen. Lieber arrangieren sie sich mit einem neuen Regime, neuen Regeln, einer autoritären Führung. Die Geschichte und Gegenwart zeigen es leider: In jeder Krise – sei dies Covid, sei dies das Klima, eine Revolution, der Krieg – gewinnen die an Macht, die populistisch und autoritär sind und keine Fragen offen lassen. Entsteht ein Vakuum der Macht, wird es sofort mit neuer Herrschaft gefüllt – mit dem stillen Einverständnis der Menschen. Vernunft und Demokratie bleiben da auf der Strecke.

Wie holen Sie diesen Drachen und Lanzelot ins Heute und nach Bern?
Wirklich ganz konkret: Das Stück ist als mobiles Schauspiel angelegt. Wir werden nicht auf einer Bühne im Theater spielen, sondern mitten auf dem öffentlichen Platz, vor dem Restaurant Vierte Wand, wo ich jetzt mit ihnen Kaffee trinke. Das Publikum sitzt hier draussen an den Tischen. Der Drache erscheint in der Form einer Frau, Lanzelot ist ein Strassenmusiker, der neu in der Stadt ist, und bald gegen den herrschenden Drachen – im übertragenen Sinne – kämpft und ihn auch tötet. Doch damit wird alles nur noch ärger. Aber zu viel möchte ich nicht verraten, denn das Publikum wird ins Stück miteinbezogen, spielt mit, und das funktioniert nur, wenn es sich unvoreingenommen darauf einlässt.

Die moderne Inszenierung entfernt sich weit vom Original, das als Märchen angelegt ist. Wie haben Sie diesen neuen Handlungsrahmen erarbeitet?
Zuerst habe ich den Stoff aufs Wesentliche reduziert, aus 88 Seiten wurden 22. Alles aus heutiger Sicht Anachronistische daran, der Drache, der Jungfrauen tötet, das Dorf, in dem es spielt, alle devoten Frauenfiguren, die vorkommen, das alles nahm ich raus. Ich schälte die Essenz heraus und von dort baute ich es mit der Dramaturgin Julia Fahle wieder auf, wir erfanden die Figuren und Handlung neu. Dazu erarbeiteten wir Monologe, bezogen aber auch Gedichte und Lieder mit ein. Oder vielleicht muss ich sagen: Wir alle sind immer noch dran.

Wir alle?
Das Stück entsteht in Zusammenarbeit mit dem Ensemble. Wir verwenden ein sogenanntes Open Doc, das heisst, alle können daran mitschreiben. Beim Proben improvisieren wir und schauen dabei, ob ein Monolog oder eine Szene wirklich funktioniert. Die Schauspieler*innen machen Vorschläge, wir nehmen diese ins Skript auf und revidieren die Szenen laufend, bis sie stimmig sind.

Sie kommen aus der Schauspielerei, stehen selber auf der Bühne und vor der Kamera. Hat das einen Einfluss darauf, wie Sie inszenieren?
Ganz klar. Mir geht es überhaupt nicht darum, einen Regiepreis zu gewinnen. Ich will vielmehr mit den Schauspieler*innen zusammenarbeiten. Sie sollen Spass haben an der Arbeit, ich will, dass sie sich wohlfühlen und sich die Rolle auf ihre Weise erschliessen. Meine Aufgabe ist, sie grösser zu machen in dem, was sie an Stärken mitbringen. Darum mag ich diese offene Arbeit. Ich bin ja auch neu nach Bern gekommen und kannte die Darsteller*innen nicht, erst jetzt lerne ich sie kennen.

Apropos Bern. «Der Drache» ist Ihre erste Zusammenarbeit mit Bühnen Bern, auch sonst waren Sie nie länger hier für ein Engagement. Wie gefällt Ihnen die Stadt?
Sie ist schön. Aber wenn ich offen bin: ich habe Mühe, hier zu überleben. Ich bin ein Nachtmensch, lebe normalerweise in Köln und Berlin. Wenn ich um 11 mit den Proben fertig bin, will ich zum Feierabend noch trinken gehen. Doch wo finde ich hier eine Beiz, die unter der Woche nicht schon um Mitternacht schliesst?

Da kann ich ihnen nicht weiter­helfen. Tut mir leid. Lassen Sie uns lieber auf den Drachen zurückkommen. Gibt es wenigstens dort ein Happy End?
Ich will nicht spoilern. Und ehrlich gesagt: Wir wissen es noch nicht genau. Wir proben noch daran herum.

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