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Christoph Hebing und Eva Kirchberg.© ZVG
Junge Bühne Bern

«Kinder müssen mitfiebern können»

Das Schauspielerpaar Eva Kirchberg und Christoph Hebing leitet gemeinsam die Junge Bühne Bern im Brückenpfeiler. Als nächstes kommt «Rückenlage» nach Kafkas «Die Verwandlung» zur Aufführung.

Es war in den 80er-Jahren, in der Zeit der legendären Kellertheater, als in Berns Altstadt avantgardistisches Theater auf die Bühnen gebracht wurde. Der Schauspieler, Regisseur und Theaterpädagoge Christoph Hebing gehörte zur Truppe «1230» rund um Regisseur Peter Schneider (1945–1989). Als er sich von der Truppe trennte und nach einer neuen Herausfor­derung suchte, fand er beim internationalen Ensemble «Johannes Vardar – Nomaden des Theaters» eine neue schauspielerische Heimat. «Es war eine physisch sehr anstrengende Art von Theater», erinnert sich Hebing. «Ich wollte anfangs gleich wieder aufhören. Alles hat mir wehgetan.»

Mit von der Partie war die Schauspielerin Eva Kirchberg. Die beiden wurden ein Paar, tingelten durch die Welt und bekamen drei Kinder. «Es waren sehr politische Zeiten. Kunst und Leben waren eins», erinnert sich Kirchberg. Man habe oft in Dörfern, auf Gasthöfen und an Festivals gespielt, zusammen geprobt, gegessen und nächtelang diskutiert.

Prozession im Dorf

Während rund zehn Jahren lebte das Paar in Spanien, wo es mit der Truppe grössere Produktionen und Strassentheater realisierte. Eine Gemeinde bei Barcelona stellte ihnen ein nagelneues Theater zur Verfügung. Im Gegenzug wurden sie beauftragt, mit den Kindern des Ortes zweimal pro Jahr ein Stück zu erarbeiten und aus­serdem ein Strassentheater am Feiertag des Ortes aufzuführen.

«In Spanien spielen Traditionen eine grosse Rolle», so Kirchberg. So hätten sie sich etwa in ihren Stücken mit dem Karneval oder mit «Georg dem Drachentöter» auseinandergesetzt und diese Legende in Form einer Prozession aufgeführt. «Die Bevölkerung sog regelrecht auf, was an Kultur ausserhalb ihrer Grenzen passierte», so Kirchberg. Es sei die Zeit nach Francos Diktatur gewesen und es habe ein riesiger Aufbruch geherrscht. «Mit der Zeit fehlte mir die deutsche Sprache», so Kirchberg, die ursprünglich aus dem Ruhrgebiet stammt.

Das Paar kehrte in die Schweiz zurück und widmete sich fortan ganz dem Kinder- und Jugendtheater. Seit 1990 leiten sie Kinder- und Jugendtheaterprojekte in Bern und gründeten 2006 die Junge Bühne Bern, die seit 2012 im Brückenpfeiler zu Hause ist. Hier probt auch der Choreograf Marcel Leemann mit seinem «Physical Dance Theater». Leeman machte für verschiedene Projekte gemeinsame Sache mit der Jungen Bühne Bern und fügte so der Schauspielerei das Element Tanz hinzu.

Wie kommen wir an Käse?

Sowohl Hebing wie Kirchberg haben unkonventionelle Lebensläufe. Hebing ist ursprünglich gelernter Landschaftsgärtner und kam als Quereinsteiger zum Theater. Kirchberg fing gleich nach dem Abitur mit Theaterspielen an. «Mein Vater war Musikkritiker und ich war ständig an Premieren der Hochkultur», erinnert sie sich.

Dass sie selbst einen anderen Weg ging und alternative Theaterformen wählte, stiess in ihrem Elternhaus anfangs auf Unverständnis. Als Schauspielerin eignete sie sich laufend neue Fähigkeiten an. «Wenn ich für ‹Berlin Alexanderplatz› steppen musste, lernte ich steppen, wenn ich singen musste, nahm ich Gesangsunterricht».

Heute ist Kirchberg mehrheitlich als Theaterpädagogin tätig, während Hebing immer noch selbst auf der Bühne steht, aktuell für das Theater «Max». Dort gehe es gerade um eine Trilogie zum Thema Altern. Wenn Kirchberg und Hebing selbst Stücke schreiben, wird es meist ein wenig skurril. So entwickelten sie etwa ein Stück über drei Mäuse, die in einem Kino leben und alle Filme auswendig kennen. Ihre existentielle Frage lautet: Wie kommen wir an Käse?

Von der Bühne zum Film

Die Kinder und Jugendlichen, die bei der Jungen Bühne Bern Theaterluft schnuppern, sind, ähnlich wie beim Fussball, in verschiedene Ligen eingeteilt. Das Spektrum reicht von «Unter 10 Jahre alt» (U 10) bis «Unter 26» (U26). «Kinder müssen mitfiebern können», verrät Hebing das Rezept, die Kleinsten zu begeistern. Mehr als 100 pädagogische Projekte hätten sie bisher realisiert. Bei der Stückentwicklung gebe es immer zuerst einen Workshop, bei dem eruiert werde, welche Themen den Jungen unter den Nägeln brennten.

«Wir haben einen partizipativen Ansatz», so Kirchberg. Es gehe nicht primär darum, auf der Bühne zu stehen, sondern vielmehr darum, zu lernen, wie man sich hinstellen und ausdrücken könne. Trotzdem erkenne man natürlich, wenn jemand ein besonderes Talent habe. «Saladin Dellers ist bei uns gross geworden», erklären die beiden auf die Frage, ob die Junge Bühne Bern ein Sprungbrett für Profischauspieler sei. Der 1994 geborene Berner gab sein Debüt als Filmschauspieler in «Silberwald» und erhielt dafür prompt eine Nomination als bester Darsteller beim Schweizer Filmpreis.

Käfer und Gemüse

Stars werden hier jedoch nicht bewusst gemacht. Bei den Stücken der Jungen Bühne Bern spielen alle eine Hauptrolle. So auch bei der aktuellen Produktion, «Rückenlage» nach Franz Kafkas «Die Verwandlung». «Es wird bei uns mehrere Gregor Samsas geben», verrät Kirchberg. Dass dieses Stück bei den unter 21-Jährigen, die sich dieses Stoffs annehmen, einen Nerv treffen könnte, kann man sich gut vorstellen. «Wir haben mit den Jugendlichen diskutiert und sie gefragt, wann sie sich selbst so wie Gregor Samsa gefühlt haben», führt Kirchberg aus.

Zur Erinnerung: Der Antiheld in Kafkas Erzählung wacht eines morgens auf und stellt fest, dass er sich in einen Käfer verwandelt hat. Seine Familie versucht anfangs Kontakt zu halten, entfremdet sich aber je länger je mehr von ihm. Wie füttert man so ein Getier? Im Brückenpfeiler malen Helfer und Helferinnen gerade Maiskolben, Trauben und Karotten auf Karton, die als Requisiten dienen werden. Hilflos wirft die Familie dem verwandelten Sohn allerlei zum Frass vor. Der Vater ist einmal so wütend, dass ein Apfel im Panzer des Käfers stecken bleibt. Jeder kenne jemanden, der zum Beispiel psychisch krank, dement oder von der Gesellschaft als «unnütz» betrachtet werde, ist Kirchberg überzeugt. «So jemand ist Gregor Samsa.»

www.junge-buehne-bern.ch

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