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Tänzerin und Co-Leiterin der Dampfzentrale Bern: Anneli Binder.© ZVG

«Kultur wird vermisst»

Anneli Binder ist Co-Geschäftsleiterin und Künstlerische Leiterin der Dampfzentrale und verantwortlich für Tanz und Performance. Sie ist überzeugt davon, dass Kultur möglich sein muss – auch in Zeiten von Corona. Und ihren Wert hat.


Anneli Binder, die Dampfzentrale ist eine der grossen Kulturveranstalterinnen auf dem Platz Bern. Waren Sie und Ihr Team in der Zeit des Lockdowns zu Hause?
Wir haben Ende Februar entschieden, uns solidarisch zu verhalten. Das bedeutete, das Team, die Künstlerinnen und Künstler und das Publikum zu schützen und zu unterstützen. Nachdem wir kurz vor dem Lockdown noch drei Veranstaltungen unter Schutzregeln durchführen konnten, sind auch bei uns die Vorhänge gefallen und gehen erst im Juli wieder auf. Obwohl keine Veranstaltungen stattfinden konnten, hatten wir viel zu tun: Absagen schreiben, Programm neu planen, administrative Aufgaben erledigen und unseren Arbeitsablauf neu finden. Das hat viel Kraft gekostet, die wir lieber der Verwirklichung von Kunst gewidmet hätten.

Sie sind ja ein grosses Team mit verschiedensten Aufgaben.
Ein Kulturhaus wie die Dampfzentrale lebt von vielen Menschen mit sehr unterschiedlichen Aufgaben und Kompetenzen. Nur gemeinsam sind wir ein Ort für Kunst. Hauptmerkmal der Künste, die in der Dampfzentrale zu Hause sind, ist das Zusammenkommen. Das war nicht möglich und so war das gesamte Team für eine Zeit im Homeoffice. Damit ein Vorhang hochgehen kann, passiert natürlich davor und danach sehr viel in einem Theater. Diese Arbeit ging auch von zu Hause aus weiter. Und ja, wir haben Kurzarbeit beantragt.

Kann man einen grossen Kulturdampfer wie die Dampfzentrale überhaupt vom Homeoffice aus steuern?
Jein. Ich steure den Dampfer ja nicht allein, sondern zusammen mit meinen Kollegen Roger Ziegler und Ernst Jäggli sowie dem gesamten Team. Gemeinsam haben wir weiter gerudert. Die Lebensrealitäten waren unterschiedlich: So war es für alle Mitarbeitenden, die zum Beispiel auch noch Lehrer und Lehrerinnen ihrer Kinder sein mussten, mehr als herausfordernd.

Die Kultur, die Sie verantworten, also Tanz und Performance, wurde behördlich verordnet abgesagt. Konnten Sie die Veranstaltungen verschieben?
Wir mussten in mehreren Schritten alle öffentlichen Veranstaltungen bis Ende Juni absagen, schmerzlichst. Vieles ohne Aussicht auf Nachholen. Einzelne Anlässe, dazu gehören etwa die Koproduktionen, können wir jedoch nachholen. Andere Formate wie etwa unser Versuchslabor «trail & error» haben wir spontan in den digitalen Raum verlegt.

Mit je rund 400 Plätzen gehören Kesselhaus und Turbinensaal zu den grossen Veranstaltungsräumen der Stadt. Lohnt es sich überhaupt, die Säle Corona-gerecht zu bespielen?
Das ist eine komplexe Angelegenheit. Wir beginnen mit zwei Anlässen vor der Sommerpause: «Hello! Hello! It’s good to be back» am Samstag, 4. Juli, ein Anlass mit unseren Associated Artists Natascha Moschini und Merz. Und am Samstag, 11. Juli «Aether», eine Auseinandersetzung mit Clubmusik und Elektronika. Wir sind ja ein Haus der Freien Szene, sprich wir haben kein festes Ensemble wie etwa ein Stadttheater. Die Künstlerinnen und Künstler brauchen vor den Aufführungen mehrere Wochen Zeit zum Proben, die nun während der letzten Monate wegfiel. Prämisse für uns ist, dass wir solidarisch, so sicher wie möglich und verantwortungsbewusst veranstalten. Gleichzeitig muss Kultur möglich sein. Sie wird vermisst.

Wie sieht die Programmplanung ab Herbst aus? Gibt es Plan A und Plan B? Wie stellen Sie sich auf mögliche weitere Einschränkungen ein?
Es gibt einige Pläne. Diese werden stets den aktuellsten Entwicklungen angepasst. Als Kulturhaus, das in einem internationalen Zusammenhang steht, sind wir von unseren Partnerinnen, Partnern und der Situation im Ausland abhängig. In der Schweiz ist sie für den Kultursektor eine andere als etwa in England. Dementsprechend bleiben wir beweglich.

Wann geht es wieder richtig los? Finden alle Veranstaltungen dann wie geplant statt?
Die Anlässe vor der Sommerpause sind für uns ein erstes Barometer. Wir halten uns an die Schutzkonzepte und freuen uns auf eine neue Spielzeit ab September, trotz Beschränkungen.

Können Sie uns schon einige künstlerische Highlights der kommenden Spielzeit verraten?
Unser gesamtes Programm ist ein Highlight.

Werden die beliebten Herbstfestivals wie Tanz in Bern oder Saint Ghetto stattfinden können?
Sowohl Tanz in Bern als auch Saint Ghetto werden stattfinden. Die Frage ist nur noch, wie wir den Tanz und die Musik feiern werden. Womit waren Sie Anneli Binder, die Sie sonst den Abend in der Dampfzentrale verbringen, während dem Lockdown an den vielen freien Abenden beschäftigt? Alles, was ich in meiner Funktion tue, dient dem, was dann auf den Bühnen der Dampfzentrale mit Menschen passiert. Das war plötzlich weg. Diese Leere habe ich erst mal stehenlassen. Schön war, dass sich meine Beziehungen intensiviert haben. Alle! Wir waren uns «nah».

www.dampfzentrale.ch

 Anneli Binder absolvierte an der Rambert School of Ballet and Contemporary Dance in London eine Ausbildung zur Tänzerin. Danach hatte sie ein mehrjähriges Engagement in der Richard Alston Dance Company und arbeitete für zahlreiche andere Tanzkompanien. Parallel dazu erwarb sie einen Master of Arts in Performance Studies an der University of Kent und am Institut für Kultur- und Medienmanagement in Hamburg. Von 2012 bis 2014 arbeitet sie als Referentin der Intendantin am Theater Freiburg in Deutschland, bevor sie 2016 die Künstlerische Co-Leitung der Dampfzentrale übernahm.

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