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Vargas Huaiquimilla als Euka auf dem Screen, Polymeris (rechts) am Dolmetschen.© Dominik Zietlow
Online / Südpol Luzern

Mitgefühl mit dem Eukalyptus

Wenn sich eingesessene und eingewanderte Wesen des Wallmapus, Heimat der indigenen Mapuche im Süden Südamerikas, austauschen – und die Rolle der Schweiz thematisieren. «Wallmapu – ex situ» ist ein kluges digitales Performanceformat des Kollektivs Trop cher to share.

Euka, der immergrüne und stolze, der durstige, duftende und brandanfällige Eukalyptus spricht besonnen. Ohne Zorn, aber mit eindringlichem Blick. Er ist in einer konfliktbeladenen Situation: als Baum ist er Teil der Natur, als Fremdling gefährdet er genau diese. Und er ist Opfer seiner nützlichen Bestandteile –Menschen und Multis beuten ihn aus. Euka, die Pflanze, die sich in fruchtbaren Zeiten «wie etwa einer Diktatur»
gut verbreiten konnte, sagt über sich: «ich wohne im Konflikt, ich bin der
Konflikt und ich produziere ihn».

Komplexe Konflikte verhandeln

Euka ist einer von vier Repräsentanten, die an der zweiten virtuellen Konferenz des Projektes «Wallmapu – ex situ» teilgenommen haben, das live aus dem Schlachthaus übertragen wurde. Nina Willimann und Aldir Polymeris – sie bilden das Kollektiv Trop cher to share – haben diesen Raum geschaffen, in dem Wesen miteinander sprechen. Inspiriert ist das Projekt von Bruno Latours «Parlament der Dinge», genauso wie vom Glauben der indigenen Mapuche, der keinen Unterschied macht zwischen Mensch, Pflanze und Tier. Alle sind sie Wesen des Wall­mapu. So bezeichnen die Mapuche ihr Territorium, das von Chile als Araucanía bezeichnet wird, aber auch in Argentinien liegt.

In den Konferenzen wird auf eine Art diskutiert, die auf Anklage und Streit verzichtet, obwohl hochgradig komplexe Konflikte verhandelt werden. Warum? «Wir machen keine ‹Arena›», sagt der in Chile aufgewachsene Performer Polymeris, «wir arbeiten kollaborativ, wollen entgegengesetzte Perspektiven zum Austausch bringen und experimentieren, wie weit man Widersprüchliches aushalten kann.» Und: «Für uns war die Frage zentral, wie man die Perspektive aller Wesen einnehmen kann, wie man sie als Zeugen, ja sogar als Akteurin sehen kann», sagt er.

Raum für Einsichten

Dieses Vorgehen hat eine so bedächtige wie kluge Inszenierung zur Folge, die Raum lässt für Einsichten und Perspektivenwechsel. Ja gar für Empathie mit dem von Performerin Kütral Vargas Huaiquimilla personifizierten Eukalyptus, der sich respektvoll austauscht mit der «Andentanne» Pehuén, mit einer Fabrik und der in der Schweiz erarbeiteten, aber von der Schweiz nicht ratifizierten Konvention zum Schutz indigener Völker.
Während in der zweiten Konferenz aktuelle Konflikte und Ausbeutungsstrukturen diskutiert wurden, ging es in der ersten um die Landnahme durch Spanien, die Gründung des Königreichs Chile, die Besiedlung der 
Mapuche-Territorien durch Schweizer und Deutsche Auswanderer, aber auch den Austausch mit ausgestorbenen Wesen.

Kulturelle Aneignung

Worum es an der dritten Konferenz gehen wird, das konkretisiert Polymeris mit seinem Team noch. Als wichtiges Thema nennt er das Hybride, die kulturelle Aneignung und der kulturelle Extraktivismus. «Der Kämpfergeist der Mapuche hat beispielsweise die seit einem Jahr andauernden Proteste in Chile inspiriert, ihre Flaggen werden oft genutzt. Das ist auch problematisch», sagt Polymeris. «Wir können zwar einen auf Multi-Kulti machen und sagen, wir sind identisch und stammen alle von gleichen Fisch ab, aber dieses ‹We are the world› ist zu einfach. Denn es gibt eine Geschichte der Unterdrückung. Diese Positionen müssen reflektiert und einbezogen werden.»
So gesehen ist der digitale Raum der ideale, weil neutrale Raum zur Aushandlung: Niemand ist Gastgeber, niemand ist fremd, niemand ist Gast – alle sind auf Augenhöhe. Und: alle Beteiligten sind authentisch, denn sie sind Experten auf ihrem Gebiet.

Fr., 8.1.2021, 20 Uhr
Alle Konferenzen sind online einsehbar:
www.wallmapu-ex-situ.net

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