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André Doutreval mit seiner Frau Silvia Haemmig beim Pas de deux in «Scheherazade» und als Solotänzer.© ZVG

«Oh Mensch, lerne tanzen, sonst wissen die Engel nichts mit dir anzufangen»

Er kannte sie alle: Rudolf Nurejev und Maurice Béjart, Harald Kreutzberg, Victor Gsovsky und Nora Kiss – all jene mit den grossen Namen, die in der Tanzszene bekannt waren – und schenkte sein Leben der Oper. Dies in einer Zeit, in der nichts selbstverständlich war. Nun erscheint André Doutrevals Buch «Ein Leben für den Tanz – die Geschichte einer Leidenschaft»


André Doutreval ist traurig. Nein: untröstlich. Vor drei Jahren verlor er, nach 56 gemeinsamen Jahren, seine Frau: die Berner Balletttänzerin Silvia Haemmig. Sie war der Grund, dass der heute 79 Jahre alte Adolf Bruno Preglej, der im Rahmen seines Berufs und seiner Berufung bereits als Jugendlicher zu André Doutreval wurde, sein Leben vor allem in Bern verbrachte – ausser natürlich in Köln, in Kassel, in Westberlin, wo er an den grossen Theater- und Opernhäusern engagiert war. Und in Wien, wo er geboren wurde und aufwuchs.

 

«Meine Frau ist bei mir»

Doutreval lebte an verschiedenen Orten im Kanton Bern, heute in Zollikofen. Die Wohnung im Kirchenfeld in Bern, wo er zuletzt lebte, erinnere ihn zu sehr an seine Frau, sagt er. Ein befreundeter Arzt habe ihm deshalb empfohlen, umzuziehen, ansonsten fürchte er, dass Doutreval vor Kummer sterben würde. «Ich habe die von einem bekannten Künstler gemachte Skulptur meiner tanzenden Frau im Garten des Hauses zurücklassen müssen», bedauert der agile ältere Herr, dessen gelebte Eleganz klar die eines Tänzers ist, der bei jedem Schritt versucht, die ihn verfolgende Einsamkeit abzuschütteln. Die Skulptur ist eines jener materiellen Dinge, durch die der Geist der Unendlichkeit zu ihm spricht. Denn Doutreval achtet als feinsinniger Künstler auf das Feinstoffliche, Unerklärbare, Übersinnliche – aber absolut Fühlbare. So sah er auch den Baum, der, fast schon tot, plötzlich wieder aufblühte. «Ich bin sicher, meine Frau ist da und will mir sagen, ich solle stark sein.» Dies ist nicht immer leicht für den einstigen Star, der ein Leben lang von Fans, Presse, Tanzschülerinnen und -schülern, Theater- und Opernkolleginnen und -kollegen, Künstlern und Publikum umgeben war. «Seit dem Tod meiner Frau war ich an keinem Tanz- oder Ballettabend mehr. Der Schmerz darüber wäre zu gross.»

50 gemeinsame Jahre

Und wie das Leben ist, gab es auch An­dré Doutreval die tiefe Liebe vor dem gros­sen Verlust. Der Verlust als Schatten der Liebe: Was bedeutet, dass die Lebensfreude davon abhängt, wo gerade die Sonne steht. Dem Schmerz musste Doutreval die Türe öffnen, als seine Frau vor drei Jahren an Krebs starb. «Ein Jahr lang hat sie gekämpft», so der Tänzer. «Im Jahr zuvor haben wir mit vielen Gästen unseren 50. Hochzeitstag gefeiert.» Später dann, am Tag der Beerdigung, seien dieselben Gäste wiedergekommen: «350 Menschen kamen, um sich von meiner Silvia zu verabschieden.»

Während all seiner Berufsjahre liess sich Doutreval nie brechen. Und dies, obwohl er durch die Berufung zum Balletttänzer vielem entsagen musste. «Ich hatte nicht selten körperliche Schmerzen.» Tanzende sind starke Menschen. Doch: So, wie es im Film «Black Swan» dargestellt werde, sei das Leben von Berufstanzenden nicht: «Es geht nicht dauernd um Drama. Vielmehr um Teamarbeit, Konzentration und Selbstvertrauen.»

Wenn Verliebte tanzen, lacht die Welt

Tausend Themen tanzte Doutreval: Von «Aida» über «Nussknacker», «Pest» und «Scheherazade» – wo seine geliebte Silvia zum ersten Mal als Solotänzerin auftrat – bis hin zum «Zigeunerbaron». Weil er damals, 1963, bereits in die junge Tänzerin verliebt war, packte er die Chance, die sich ihm durch die Verletzung der vorgesehenen Solotänzerin bot, und schlug Silvia vor, die damals noch Gruppentänzerin war. «Die Choreografin vertraute mir und ging darauf ein. Silvia hingegen fluchte, als sie es hörte.» Nach vielen Proben folgte ein zehnminütiges Pas de deux vor versammelter Compagnie. «Sie machte es wunderbar.» Von da an waren die beiden ein Paar. Natürlich habe er es genossen, gefeiert zu werden. Es sei schon toll gewesen, wenn die Mädchen vor der Garderobe gewartet und ein Autogramm von ihm gewollt hätten. «Ich war sehr beliebt, schmunzelt er. «Die Zeit als Meisterschüler war aber keine Wohlfühloase. Es gab In­trigen und die Tanzenden redeten manchmal schlecht übereinander.»

Nun hat Doutreval das Buch, das er gemeinsam mit Silvia begann, mit Autor René Staubli zu Ende geschrieben und veröffentlicht. Darin tauchen all jene schillernden Namen auf, die die Ballettszene zu bieten hat. Der wunderschöne, begabte, aber damals auf ihn arrogant wirkende Rudolf Chametowitsch Nurejew zum Beispiel oder der exzessiv kreierende Maurice Béjart, der damals gerade «Die Reise» choreografierte. «Mit seinem akrobatisch freien Tanz stellte er die Ex­treme des menschlichen Schicksals in den Mittelpunkt: Gefährdung, Vereinsamung, Grauen, Entsetzen, psychische Wirrnisse, neurotische Abartigkeiten, Existenz–angst, Ausweglosigkeit. Er eliminierte das ‹tänzerisch Schöne› und verschmolz mit Musik, Beleuchtung und Bewegung, Mimik und Geräuschen zu unheimlichen, oft sexuell aufgeladenen Produktionen.» Mit Béjart selbst und dessen Werk kam Doutreval, der später selbst choreografierte, oft in Berührung. «Die zentrale Herausforderung für Choreografen besteht darin, neue künstlerische Wege zu suchen.»

Aus Adolf wird André

Mit seiner Silvia hat André Doutreval einen Sohn: André Doutreval junior, dem er das Buch gewidmet hat. Doch da gab es noch ein Leben vor jenem mit seiner Familie: Geboren wurde André Doutreval «im zerbombten Wien», wie er sagt. Weil er seine beiden Schwestern – eine davon wurde später Schauspielerin – zum Ballettunterricht begleitete, sah ihn die Tanzlehrerin und forderte ihn auf, mitzulernen. «Der Bub ist begabt», sagte sie später zu seiner Mutter, die ihm das Glück nicht verwehren wollte, «obwohl sie mich lieber als Sänger gesehen hätte». So kam es, dass Adolf Preglej seine Grundausbildung 1956 nach vier Jahren abschloss. Danach verbrachte er seine zweijährige Elevenzeit an der Wiener Staatsoper. «Ich hatte damals zwar ein Abschlusszeugnis der Wiener Staatsoper, aber um an einem Theater in Österreich engagiert zu werden, brauchte man den Eintrag in ein Gewerkschaftsbuch.» Der Büroangestellte habe gesagt: «Sie heissen Adolf?! Also das geht nicht, so kurz nach dem Krieg …» Er habe ihm ein paar Nachnamen vorgeschlagen. «Seit diesem Moment heisse ich André Doutreval.» Später dann wurde Doutreval für die Oper in Klagenfurt engagiert, blieb dort einige Zeit, ging nach Köln an die Oper für ein Jahr. Tauschte die Stelle als Solotänzer gegen eine als Gruppentänzer.

Warum? «Köln hat das grössere Haus.» Dies bedeutete für ihn, dass er wieder umziehen musste: Vom Wörthersee an den Rhein. Doch bald war er wieder Solotänzer, wurde am Stadttheater Bern verpflichtet. Doch das Wort Künstler ist Synonym für Unterwegssein. So ging der Solotänzer nach Kassel. Die Stadt wurde seine erste Station als verantwortlicher Ballettmeister. Bald war er auch als Choreograf tätig und gründete später, 1978, mit Silvia die eigene Schule: die Ballettschule Doutreval. Sein Berufsleben ist bunt und die Menschen, die darin als Statisten oder Hauptdarsteller vorkommen, sind es auch. So manch bekannter Name aus Oper und Theater, aus Film oder Fernsehen, aber auch seitens der Leitung – einer davon ist Theo Knapp, Oberspielleiter, Schauspieler und Regisseur; oder Heinz Spoerli, Ballettdirektor des Zürcher Opernhauses – taucht im Buch auf, das spannend ist: gespannt aus prallem Er-Leben, wie das Seil, auf dem der Tänzer geht.

Trennung gehört zum Berufsleben

Doch kein Leben verläuft schnurgerade. Bevor der Primabailarin seine Silvia traf, war er mit der blutjungen Ingrid Wedening verheiratet, 1961 schon. Der Tänzer war gerade 19 Jahre alt. Die beiden haben eine gemeinsame Tochter. Die Beziehung ging auseinander. «Ingrid hatte mit dem Theater gar nichts zu tun, was nicht einfach war.» Das Töchterchen, Silvana, blieb bei der Grossmutter in Österreich, die Mutter folgte ihrem Mann ins Ausland, wo sie, auch nach der Trennung, blieb. Des Tänzers Beziehung zur Tochter ist getrübt. Nicht einfach, für alle Beteiligten. Am schwierigsten wahrscheinlich für Silvana. Seine Frau Silvia sei eine so gütige Frau gewesen. «Auf dem Sterbebett sprach sie mich mit meinem Kosenamen an und sagte zu mir: Bitte, mach Frieden mit deiner Tochter …»

Doutreval lernte bei Lehrern wie Victor Gsovsky und Nora Kiss und nahm neben der Ballettausbildung Kurse bei José de Udaeta und Susana in Flamencotanz. In Jazztanz bei Matt Mattdox. Er liess sich zudem in klassischem Tanz, Ausdruckstanz und Choreografie ausgebilden. Gegen eine Arbeit in den USA entschied sich nicht der Mensch André Doutreval, sondern die reine Liebe zu Silvia. «Ich wollte nie weit weg von ihr sein.» Es sei nicht einfach für Künstlerpaare, gemeinsam engagiert zu werden. «Trennung gehört zu unserem Berufsleben.»

Ästhetische Schönheit im Rampenlicht

André Doutrevals Buch lässt eine Zeit aufleben, wie sie heute kaum mehr vorstellbar ist. Weil das Leben an viel zu vielen Stellen glitzert und glimmert und die Augen der Betrachtenden dadurch matt und müde werden. Es wird schwieriger, in der Lichterflut eine wahre Perle zu erkennen. Im Leben des anmutigen und leidenschaftlichen Tänzers heben sich diese Perlen ab wie jene seltenen am Hals einer Königin. Die Stange, an der er seinen Körper zum Objekt des Applauses trimmte, wurde zum Halt seines Lebens – und zum langen Weg mit seiner Lebensliebe.

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