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Hinter sich den toten Bruder, vor sich die ausweglose Zukunft: Willy Loman (Jürg Wisbach). © Annette Boutellier
Stadttheater Bern

Vom Zwang, etwas zu sein

Der deutsche Regisseur Gerd Heinz gibt seinen Bühnen­abschied mit dem Theaterstück «Tod eines Handlungs­reisenden», einem erschreckend zeitgemässen Stück über Geltungszwang, voller prägnante Charaktere.

«Wir sind frei – und ohne Schulden» der letzte Satz in «Tod eines Handlungsreisenden» von Arthur Miller müsste eigentlich Ausgangspunkt einer Biografie sein. Doch im Falle von Willy Loman (eindringlich: Jürg Wisbach) verkommt der Satz zur ironischen Grabrede, formuliert von seiner Gattin Linda (Chantal Le Moign). Er, der nach der Kündigung und heftigen Streitereien mit seinem Sohn Biff (herausragend: Luka Dimic) Suizid begeht, der den Angehörigen aber die Lebensversicherung auslösen soll, ist getrieben. Getrieben vom Zwang, jemand wichtiges zu sein, eine männliche Respektfigur, der Ernährer, ein Businessmann. «Vorwärts kommt nur, wer Eindruck macht» lautet seine Maxime. Der verstorbene Bruder Ben (Stéphane Maeder) liefert Willy die Steilvorlage zum American Dream: «Ich ging mit 17 in den Dschungel und kam mit 21 reich wieder raus.» Solche Vorbilder haben Willys Blick fürs Wesentliche getrübt: er selbst hätte mehr Talent zum Handwerker. Und der Streit mit Biff und die Enttäuschung über den jüngeren Sohn Happy (Gabriel Schneider) liessen sich begraben, wenn er diesen zugestehen würde, ihren Weg zu gehen.

Zwischen Wunsch und Realität

Die gut zweieinhalbstündige Inszenierung im Stadttheater Bern spielt sich vor einer Backsteinmauer ab. Auf das industrielle Gemäuer werden Wolkengebilde projiziert – die Verheissung der Natur, nach der sich Biff so sehnt, nimmt das Bühnenbild von Lilot Hegi auf. Die Bühnenmitte dreht sich immer schneller, je mehr Willy Vergangenheit und Gegenwart, Wunsch und Realität vermischt. Dazu erklingen wehmütige Saxofonklänge von besseren Zeiten (Live: Marc Stucki).

«Psychologie, Form»

Die Inszenierung ist eine Hommage an den starken, aktuell bleibenden Theatertext von 1949 und an intensives Schauspiel. Er, der das verehrt, ist der 80-jährige Regisseur Gerd Heinz. Im Interview mit der «Berner Zeitung» betonte er: «Darstellung, Text, Psychologie, Form. Mich interessiert nach wie vor und immer intensiver: Was ist Darstellung, auch als Handwerk.» Mit dem Stück verabschiedet sich der ehemalige Intendant des Schauspielhauses Zürich (1982-1989), der auch oft in Bern inszeniert hat, zuletzt «Die Formel oder die Erfindung des 20. Jahrhunderts» (2018), von der Bühne. Ein Abgang von einem, der nicht mehr den Zwang hat, etwas anderes machen zu müssen als das, was ihm gefällt.

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