mitgliederwerden grey iconMitglied werden
Archiv
Grimm blickt auf 44 Jahre Bühne zurück.© Suzanne Schwiertz

«Wir sind nicht wahnsinnig viel weiter»

Barbara Grimm würde aktuell in «Nichts geschenkt. Eine kurze Geschichte der Frauenrechte in der Schweiz» von Mirjam Neidhart und Katharina Rupp spielen. Die langjährige Schau­spielerin vom Theater Orchester Biel Solothurn (TOBS) im Interview über Rechte und Rollen.

Barbara Grimm, wann begriffen Sie, dass Sie andere Rechte haben als Männer?
Ich hatte 1977 mit 21 Jahren mein erstes Engagement in Deutschland. Dort bot mir der Intendant gleich «ein intimes Verhältnis mit Rollenverbesserung» – das waren seine Worte – an. Und vor ein paar Monaten lese ich in der Zeitung den Artikel: «Angst schützt übergriffige Regisseure: Studie deckt Machtmissbrauch an deutschen Theatern auf.» Das hat mich sehr erschreckt. Ich finde das grauslig, dass es immer noch viele junge Frauen gibt, die denken, sowas ertragen zu müssen.

Haben Sie abgelehnt?
Ja, und ob! Ich habe frühzeitig den Vertrag aufgelöst, weil ich es dort nicht mehr aushielt. Er hat mich ständig herabgesetzt. So habe ich mich gewehrt, aber rechtliche Schritte unternahm ich keine. Ich fuhr einigermassen naiv in die nächste Stadt, wo ich Glück hatte und vorsprechen konnte – bei einer Oberspielleiterin. Wäre ich erneut bei so einem Typen gelandet, würde ich heute auf keine 44-jährige Theaterkarriere zurückblicken können. Von da an habe ich tendenziell eher bei Frauen zugesagt.

Sehen Sie viele Parallelen zum Stück «Nichts geschenkt»?
Wir sind nicht wahnsinnig viel weiter, die Prozesse dauern viel zu lange! Schon 1872 wurde die Gleichstellung verlangt, gleiche Ausbildung, gleicher Lohn, gleiches Erbrecht, totale Unabhängigkeit vom Ehemann statt Vormundschaft, Wahlrecht etc. Und erst 1988 wurde das im Eherecht langsam umgesetzt! Bei der Leseprobe wurde uns allen klar, wie krass das ist: Vor allem den jungen Männern fielen ungläubig die Kiefer runter.

Wofür haben Sie neben der Bühne gekämpft?
Kämpfen ist ein grosses Wort. Ich habe die «Emma» gelesen, auch beschäftigen mich Biografien von Frauen im Schatten der Männer. Machtmissbrauch, Kindsmissbrauch – da war ich aktiv. Und mit meinem Vater, der in den 60 und 70ern eine grosse Werbeagentur betrieb, tauschten wir uns über frauenfeindliche Werbung aus, wie etwa die Verkehrsregeln in «Der 7. Sinn», bei Dr. Oetker oder Frauengold.

Haben Sie dank dem Stück neue Frauenrechtkämpferinnen kennen­gelernt?
Frauen wie Olympe de Gouges, Verfasserin von «Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin», die Autorin und Literatursoziologin Germaine de Staël, Gewerkschafterin Margarethe Hardegger, oder die Verfechterin für das Frauenstimmrecht Helene von Mülinen waren mir nicht wirklich ein Begriff. Den Namen Emily Kempin-Spyri, die erste Schweizer Anwältin, die ihren Beruf nicht ausüben durfte, kannte ich. Jetzt kann ich sagen, dass mich ihr Kampf, von dem wir erst heute profitieren, sehr berührt.

Welche Frauenrollen bevorzugen Sie?
Frauenfiguren, die auf real existierenden Menschen beruhen interessieren mich. Königin Elisabeth aus «Maria Stuart» von Schiller habe ich zweimal gespielt. Über ihr Leben kann man viel nachlesen, kennt zum Beispiel ihre Unterschrift und man ist sich bewusst, dass auch andere etwas über sie wissen. Da fühle ich beim Spielen eine andere Verantwortung als bei fiktiven Figuren, da will ich nicht total danebenliegen mit meiner Interpretation.

Gibt es noch weitere?
Florence Foster Jenkins im Stück «Souvenir» am TOBS spielte ich sehr gern. Diese Amerikanerin, die falsch sang, aber mit einer absoluten Überzeugung, einfach weil Gesang ihr Liebstes ist – das hat mich sehr be­eindruckt. Auch Maria Callas habe ich am TOBS gespielt. Ich bin in ihr Leben eingetaucht, habe Interviews und Aufführungen geschaut. Das ist fantastisch, so kann man sich wirklich deren Haut anlegen, das ist das Schöne an meinem Beruf. Und schliesslich habe ich auch gerne und oft Hexen in Märchen gespielt. Ich war nie eine Prinzessin, habe auch nie auf der Bühne geheiratet, ich war immer die Böse.

Haben Sie eine Erklärung für diese Rollenzuschreibungen?
Ich habe eine lange Nase, war nie so ein härziges stupsnäsiges Girly, das bis 30 die 18-Jährige spielen kann. Schon mit 24 habe ich die böse «Andere» gespielt. In Kindermärchen kann man sich als Hexe gut austoben und viel mehr improvisieren. Grundsätzlich bin ich eher Komödiantin, für lustige, komische Sachen habe ich ein Talent, darum spielte ich auch Foster Jenkins so gerne.

Sie führten punktuell auch Regie. Welche Stoffe haben Sie ausgewählt?
Vor allem Sachen mit Musik und Komödien wie «Don Camillo und Peppone» oder Stücke von Woody Allen habe ich inszeniert. Dabei haben mich Schwänke weniger interessiert, sondern der satirische Humor wie man ihn bei Molière, Nestroy, Dario Fo oder Shakespeare findet, der tiefgehen, befreien, vieles aufdecken und politische Statements machen kann. Oder um es mit Franca Rame, Schauspielerin, Autorin und Ehefrau von Dario Fo zu sagen: «Es öffnet sich nicht nur der Mund beim Lachen, sondern das Gehirn. Und ins Gehirn können Nägel der Vernunft eintreten.»

Was haben Sie ab Herbst vor, wenn Ihr letztes festes Engagement beendet ist?
Ich habe noch zwei Stückverträge am TOBS, momentan ist aber unklar, ob sie stattfinden können. Weiterhin werde ich meiner Leidenschaft des Action Theaters folgen, Schauspielunterricht geben und Regiearbeiten mit Amateuren machen wie mit meiner Ü61-Theatergruppe. Auch Sprecheraufträge mache ich weiterhin, meine Stimme ist Gott sei Dank noch 20 Jahre jünger als ich. Was ich mir auch vorstellen könnte: Noch eine Ausbildung zur Doula, einer nicht medizinischen Helferin einer werdenden Mutter, zu machen.

www.tobs.ch

Folgen Sie uns

Anmeldung Newsletter

Wetter in Bern

laden