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Dominik Muheim (l.) und Valerio Moser: «Man lief luftanhaltend durch die Gänge.»© Moritz Me
Cafe Bar Mokka, Thun / Bierhübeli, Bern

«Wir spüren eine schüchterne Euphorie»

Die Slam-Poeten Valerio Moser und Dominik Muheim haben aus den Texten, die sie während des Lockdowns verfassten, ein aktuelles Bühnenprogramm produziert. In «E Härde Vire – Ein Verarbeitungsversuch» schauen sie auf die letzten Monate zurück.

Valerio Moser, Dominik Muheim, welche Gefühle kamen bei Ihnen auf, als wegen der Pandemie Kulturveranstaltungen abgesagt wurden?
Valerio Moser: Es war ein grosser Moment der Unsicherheit. Gerade in unserer Branche leben wir von Liveauftritten oder dem Leiten von Workshops. Das fiel plötzlich alles weg. Wie man mit so einer Situation umgeht ist von Person zu Person unterschiedlich. Ich habe in meinem Kulturschaffen schon immer davon gelebt, dass ich mich in neue Settings werfe und experimentiere. Für meine Kreativität war es also so, als hätte man mich in einen neuen Sandkasten gesetzt, in dem ich nun neue Türme bauen kann. Viele Kunstschaffende funktionieren aber anders und konnten sich beispielsweise nicht so mit dem Streamen anfreunden.

Dominik Muheim: Die ersten zwei Wochen fand ich persönlich schlimm. Nach und nach wurden immer mehr Veranstaltungen abgesagt. Ich hatte irgendwie noch die Hoffnung, dass einige Auftritte trotzdem stattfinden würden. Doch daraus wurde logischerweise nichts. Gleichzeitig wurde das gesamte Kulturprogramm im Live­stream übertragen. Ich bin kein Fan von Livestreams und brauche das Publikum vor Ort, fragte mich aber trotzdem, ob ich da jetzt mitmachen musste. Dazu kam natürlich noch die grosse Sorge, wie das jetzt finanziell weiter gehen soll, wenn plötzlich alle Gagen wegfallen.

War der Lockdown kreativer Nährboden?
V. M.: Technisch ja. Ich konnte neue Dinge ausprobieren, mich mit dem Videodreh auseinandersetzen und überlegen, welche alternativen Formate ich entwickeln könnte. Inhaltlich war es aber schwieriger. Unsere Kunst lebt von der Verarbeitung unserer Erfahrungen. Doch hier hat die ganze Welt etwa das gleiche erlebt. Man hatte schnell das Gefühl, es sei sowieso schon alles gesagt. Da ist es kniffliger, über die eigenen Erfahrungen zu schreiben, ohne dass es «abgchätscht» wirkt.

D.M.: Irgendwann habe ich akzeptiert, dass die Agenda leer ist und keine Anfragen mehr reinkommen. Ich nutzte die Zeit, um ein neues Programm und ein Buch mit Kurzgeschichten zu schreiben. Daneben habe ich mir ein, zwei Notfallpläne zurechtgelegt. Für das Radio SRF 1 durfte ich zudem ausserordentliche Morgengeschichten schreiben. Langweilig wurde es also nicht. Inhaltlich fand ich es aber schwierig, etwas von der Corona-­Thematik Losgelöstes zu texten. Es war nie klar, ob sich das Geschriebene auf die Zeit vor, während oder nach
Corona bezieht.

Nun haben Sie gemeinsam das Programm «E Härde Vire» produziert. Wie kam es dazu?
V.M.: Wir kennen uns, seit wir beide als Slam-Poeten auftreten. Bevor wir an «E Härde Vire» arbeiteten, schrieben wir an einem gemeinsamen Buch, das wir mit Reiseberichten füllten. Hierfür recherchierten wir an Orten, die wir nicht verstehen. Etwa auf eine David-Hasselhoff-Fan-Kreuzfahrt, an eine Waffenbörse oder unterwegs mit Pokémon-Go-Spielenden. Aus dem Material der Kreuzfahrtgeschichte haben wir bereits eine gemeinsame Show gemacht. In den vergangenen Monaten haben wir beide dann viel geschrieben und beschlossen, unsere Texte zusammenzulegen und daraus ein aktuelles Programm zu erstellen.

D.M.: Für meinen letzten Auftritt, bevor alles abgesagt wurde, hatte ich einen Text zum Thema Corona vorbereitet. Heute ist es merkwürdig, über die Gedanken und Gefühle von vor wenigen Monaten, zu lesen. Man merkt, da ist mega viel passiert.

V.M.: Durch unsere Texte wurde uns bewusst, dass in dieser Zeit nichts und gleichzeitig ganz viel geschehen ist. Zuerst war da diese Unsicherheit, dann schwirrten plötzlich viele Fakten herum und es war unklar, wer vertrauenswürdig war und wer nicht. Das wurde von einer grossen Langeweile abgelöst und jetzt spüren wir eine schüchterne Euphorie.

In «E Härde Vire» beschäftigen Sie sich also mit diesen Phasen.
D.M.: Es ist wie ein Rückblick aufgebaut, der alles beinhaltet, was rund um das Coronavirus passiert ist: Pressekonferenzen, Wörter wie «Social Dis­tancing» oder die Figur Daniel Koch. Dinge, die scheinbar aus dem Nichts aufgetaucht sind und jetzt selbstverständlich sind.

Sie hatten mit dem Programm bereits Ihren ersten Auftritt. Wie war es, wieder auf der Bühne zu stehen?
V.M.: Ui, das war toll. Die Bühnen-Entzugserscheinungen wurden immer stärker und deswegen haben wir uns wahnsinnig darauf gefreut. Auch das Publikum brannte offensichtlich darauf, endlich wieder einen Bühnenauftritt zu erleben. Daher herrschte eine ganz euphorisch, heimelige Stimmung.

Welches ist für Sie die grösste Absurdität, welche die Pandemie mit sich brachte?
V.M.: Was ich sehr absurd finde, sind die Verschwörungstheorien. Wie kommt man nur darauf, dass Bill Gates Drahtzieher sein soll, nur weil er vor solchen Situationen warnte und sich prophylaktisch engagierte?

D.M.: Phu, alles war absurd. So interessant, wie wir uns alle verhalten haben. Beim Einkaufen zum Beispiel. Während der ersten speziellen Woche brachte die Unsicherheit Menschen, die sich gar nicht kannten, ins Gespräch. Und als dann der Lockdown eingeführt wurde, da sprach man gar nicht mehr miteinander. Man lief luftanhaltend durch die Gänge und ging sich aus dem Weg.

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