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Cristina Cattaneo bei der mühevollen Arbeit.© Java Films
Cinématte, Bern

Aus Nummern wieder Namen machen

Die Seenotrettungsorganisation SOS Méditerranée zeigt zum Gedenken an die im Mittelmeer Verstorbenen in mehreren Kinos den erschütternden Dokumentarfilm «Nummer 387». Im Zentrum stehen drei Menschen, die versuchen, die Opfer des Schiffsunglücks vom 18. April 2015 zu identifizieren.

«I love you» steht auf dem kleinen, verrissenen Blatt. Kleine Papierfragmente, die sich über ein Jahr lang in der Tiefe des Mittelmeeres befanden, lassen nur erahnen, welche Träume der Mensch dahinter in sich trug, wenn da steht «ich hoffe, ich werde dich wiederfinden». Es ist ein Brief, der im Wrack eines Geisterbootes gefunden wurde, das beim Schiffsunglück vom 18. April 2015 vor der libyschen Küste gesunken ist. Er gehörte einem Menschen, der Nummer 387. Einen Namen hat er nicht.

Übrig sind Gegenstände

Der Arte-Film «Nummer 387» por­trätiert drei Menschen, die den auf der Flucht bei der Katastrophe im Mittelmeer Ertrunkenen wieder einen Namen geben wollen. Die forensische Anthropologin Cristina Cattaneo ist eine davon. Sie untersucht, was an Land geborgen wurde über ein Jahr nach der Tragödie. Von Nummer 387 findet sie neben dem Liebesbrief auch ein Portemonnaie mit unzähligen, vom Wasser verfleckten und vergilbten Fotografien. Alles wird genau dokumentiert. Neben Brieftaschen sind es besonders viele Hygieneartikel, Papiere mit Telefonnummern und Notizbücher, die Cattaneo und ihr Team finden und versuchen, sie menschlichen Überresten oder Pässen zuzuordnen.

Auf Spurensuche

Die Toten zu identifizieren und zu klären, wer sich nun wirklich alles auf dem Geisterboot befand, ist auch die Mission von José Pablo Baraybar vom Roten Kreuz. Er besucht Familien in Mauretanien und im Senegal, die Angehörige vermissen, und versucht mithilfe von Zeugen weitere Puzzleteile zu finden. Auch folgt er neuen Spuren. Er nimmt DNA-Proben der Familien und schickt sie nach Mailand zu Cattaneo, die Abgleiche vornimmt. Und er sucht die wenigen, traumatisierten Überlebenden, die ihm berichten, an wen sie sich erinnern, wer sich alles auf dem Boot ­befand und woher sie kamen. Die Tatsache, dass sich viele Menschen gezwungen sehen, sich mit gefälschten Papieren auf die tödliche Route zu begeben, macht die Identifikation nicht einfacher. Baraybar steht auch in Kontakt mit der Sizilianerin Georgia Mirto. Sie sucht auf Friedhöfen Siziliens nach Gräbern, die solche der Verschwundenen sein könnten.

Der Dokumentarfilm der französischen Regisseurin Madeleine Leroyer erschüttert auf allen Ebenen. Es scheint eine Unmöglichkeit, schon nur herauszufinden, wie viele Menschen sich auf dem Boot befanden. Zeugenaussagen variieren und nennen zwischen 800 und 1100 Personen. Familien vermissen geliebte Menschen und wissen noch heute nicht, ob sich diese auch auf dem Schiff befanden, während auf sizilianischen Friedhöfen Grabsteine mit der Inschrift «unbekannter Immigrant», gefolgt von einer Nummer, stehen.

Am 3. Oktober sind sieben Jahre vergangen seit dem Untergang eines mit Flüchtlingen beladenen Bootes vor Lampedusa. Dabei ertranken 366 Menschen. Zum Gedenken an die Toten zeigt die Seenotrettungsorganisation SOS Méditerranée an diesem Tag in verschiedenen Kinos in der Schweiz, Deutschland, Italien und Frankreich den Dokumentarfilm, der den Hashtag #numbersinto­names begründet hat. Freiwillige der Organisation sprechen über die Situation im Mittelmeer.

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