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Erinnerung an die Flucht aus Polen: Die Cousine von Alice Miller, Irenka Taurek, begibt sich mit Martin Miller auf Spurensuche. © Royal Film
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Drama des Ungesagten

Im Dokumentarfilm «Who’s Afraid of Alice Miller?» des Basler Regisseurs Daniel Howald begibt sich Martin Miller – Sohn der bekannten Psychoanalytikerin Alice Miller – auf die Suche nach der traumatischen Vergangenheit seiner Eltern. Der Film läuft in der Cinématte. Man begibt sich als Regisseur auf einen schmalen Grat mit der Entscheidung, einen Film zu machen über einen Menschen, der nicht mehr lebt, und gegen den Vorwürfe laut werden. Es ist ein Drahtseilakt zwischen Anklageschrift und Aufklärung. Daniel Howald («Der Tod meiner Mutter») vollführt diesen Akt mit notwendiger Zurückhaltung. Howald begleitet mit der Kamera die Reisen und Treffen von Alice Millers Sohn Martin Miller, der gemeinsam mit der Cousine seiner Mutter, Irenka Taurek, in den USA, Polen und Deutschland recherchiert. Der Film zeigt dabei die Schmerzen eines mittlerweile erwachsenen Mannes, der in seiner Kindheit emotionaler und physischer Misshandlung ausgesetzt war. Der Regisseur verzichtet auf eine aufklärende Off-Stimme und auf Interviewausschnitte, in denen die Subjekte direkt in die Kamera sprechen. Es wird keine Wahrheit aufgedeckt, die da draussen wartet. Vielmehr wird gezeigt, wie Realitäten ausgehandelt und leider auch oft verdrängt werden.

Der Standpunkt von Martin Miller ist kein einfacher, das wird klar. Er ist der Sohn einer öffentlich gefeierten Psychoanalytikerin und Autorin des Bestsellers «Das Drama des begabten Kindes» (1979), die es sich zur Lebensaufgabe machte, Kinder rund um die Welt vor Misshandlung zu schützen und auch nicht davor zurückschreckte dem Papst oder Tony Blair einen Brief zu schreiben. Gleichzeitig aber schaute sie zu, wie ihr Mann den eigenen Sohn schlug.

Der Schmerz in der Vergangenheit

Über ihre eigene Vergangenheit hat Alice Miller nie gesprochen – auch nicht mit ihrem Sohn. Als jüdisches Mädchen wurde sie mitten in die Verbrechen des Zweiten Weltkriegs hineingeboren. Ihr gelang jedoch die Flucht nach Polen, später in die Schweiz. Traumatische Erlebnisse, die Martin Miller auf seiner Spurensuche versucht aufzuarbeiten und dabei auch herausfinden will, wer seine Eltern eigentlich waren. Er selbst hat den Krieg nicht erlebt. Doch er beschreibt, wie er dennoch das Gefühl des Kriegs miterlebte, dadurch, dass seine Eltern es ihm unbewusst mitgaben.

Ironischerweise ist es am Ende Alice Miller, die in einem Brief an ihren Sohn ausspricht, was so eindeutig scheint und im völligen Wiederspruch zu ihrem eigenen Handeln steht: «Woran leidet ein Kind mehr als am Unbewussten seiner Mutter?»

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