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Brunschwig: «Kultur hat Relevanz.»© Beat Schweizer
Polit-Forum, Bern

«Fällt die Kultur weg, verarmen wir»

Der operative Leiter (COO) vom Locarno Film Festival, Raphaël Brunschwig, wird im Polit-Forum an der Podiumsdiskussion «Stellenwert der Kultur» mitreden. Im Interview spricht er von der Lust, Kultur wieder live zu geniessen.

 

Raphaël Brunschwig, warum haben Sie trotz Pandemie Anfang August das Locarno Film Festival durchgeführt?
Das ist keine Selbstverständlichkeit. Der erste Gedanke war natürlich, zu überleben und die Kontinuität
sicherzustellen. Niemand vom Team sollte wegen der Krise seine Arbeit verlieren. Also mussten wir Projekte erarbeiten, um die Reputation des Festivals, die wir uns während den letzten 70 Jahren erarbeitet haben, zu halten. So sind Projekte für die beiden Plattformen entstanden, in denen das diesjährige Festival auch durchgeführt wurde: fürs Kino und fürs Internet.

Und wie lautet Ihre Bilanz?
Wir sind mehr als zufrieden. Bis zur Festivaleröffnung am 5. August waren die Tessiner Kinos zu und wir hatten keine Ahnung, was wir erwarten durften. In elf Tagen gab es etwas mehr als 100 Vorführungen, und die Menschen hatten Lust, ins Kino zu gehen. Online haben wir mit verschiedenen Formen experimentiert. Die Kurzfilme fanden beispielsweise ein grosses Publikum in Asien. Aber es muss klar gesagt sein: Ein zweites Mal möchten wir das nicht durchmachen. Wir mussten den Leoparden quasi unter Quarantäne stellen, und die Planungsunsicherheit war sehr hoch.

Punkto Streaming, ist Ihnen die Lust an der Kultur am Bildschirm zu Hause nicht vergangen?
Das Erlebnis wird über Streaming nie das Gleiche sein, so viel ist klar. Das Digitale war schon vor der Pandemie in der ganzen Kulturbranche ein Thema, nun gibt es einen eigentlichen Schub und noch mehr offene Fragen. Eine digitale Erfahrung ist etwas anderes als ein Live-Erlebnis, aber sie hat auch eine Qualität. Wir haben beispielsweise in Asien ein junges Publikum erreicht, das bisher keinen Zugang zum Festival hatte. Ich bin aber froh, ist die Bildschirmzeit wieder kürzer, als sie es im Lockdown war. Trotzdem: Es ist unabdingbar, digitale Plattformen und Geschäftsmodelle zu entwickeln. Nicht zuletzt, weil wir das Szenario für nächstes Jahr nicht kennen.

Macht es noch Sinn, mit Schutzmassnahmen, Auflagen und Bewilligungshindernissen verbundene Grossveranstaltungen durchzuführen?
Auf jeden Fall. Wir werden lernen, mit dem Virus zu leben. Langfristig mache ich mir hier keine Sorgen. Das Gemeinschaftserlebnis ist wichtiger denn je.

Sie vertrauen also auf die Ungeduld und Lust der Menschen, wieder Grossveranstaltungen besuchen zu können?
Ich habe das Gefühl, dass dieses Bedürfnis ganz stark vorhanden ist, das konnten wir auch am Filmfestival beobachten. Wir haben Lust, wieder gemeinsam Kultur zu erleben. Jedoch haben in einer Krise wie dieser Gesundheit, Essen und ein Dach über dem Kopf Priorität. Doch Kultur ist auch Arbeit und auch in diesem Bereich sollten Einkommen sichergestellt sein, sonst überlebt die Kulturbranche langfristig nicht.

Sie sprechen damit an, dass Kultur für unser System eine geringe Relevanz hat?
Natürlich nicht, Kultur und gerade Grossveranstaltungen haben eine hohe Systemrelevanz. Das Locarno Film Festival zum Beispiel hat für unsere Region einen hohen wirtschaftlichen Wert. Es ist ein wichtiger Arbeitgeber und fördert den Tourismus. Ganze Regionen identifizieren sich doch über ihre Kultur. Da macht es wenig Sinn zu sagen, Kultur habe für unser System keine Relevanz.

Sie werden im Polit-Forum über den Stellenwert der Kultur diskutieren. Was hat Sie die Krise in Bezug darauf gelehrt?
Kultur ist Ausdruck unseres Alltags und definiert Personen, Regionen, und ja, ganze Länder. Würde sie wegfallen, dann würden wir verarmen, das ist Fakt.

 

Die Diskussionsreihe «Ausnahme-Zustand» im Polit-Forum dreht sich um Bereiche der Politik, Gesellschaft und Wirtschaft, die aufgrund der Corona-Pandemie eine 180-Grad-Drehung machen mussten. In der letzten Diskussion der Reihe, «Stellenwert der Kultur», reden neben Raphaël Brunschwig der Direktor von Pro Helvetia, Philippe Bischof, sowie Anneli Binder, Geschäftsführerin und künstlerische Leiterin der Dampfzentrale, darüber, wie sich Kultur während der Krise verändert. Die Podiumsdiskus­sion kann auch über einen Live­stream verfolgt werden.

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