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Matthias Aebischer engagiert sich als Präsident von Cinésuisse für die Filmbranche.© Lukas Lehmann

«Musik prägt bei mir fast alles»

Nationalrat Matthias Aebischer ist Verkehrs-, Bildungs- und Medienpolitiker. Vor allem aber ist er auch Kulturpolitiker. In der Kulturszene ist der SP-Mann bestens vernetzt, man trifft ihn oft an Kulturveranstaltungen. Das gemeinsame Musizieren zu Hause hingegen kommt meist zu kurz.

Matthias Aebischer, Sie wohnen in der Stadt Bern, Sie bewegen sich mit dem Fahrrad, Sie leben in einer Patchwork-Familie mit sieben Kindern, davon vier eigenen, Sie sitzen für die SP im Nationalrat und sind in zahlreichen Verbänden engagiert. Falls es so etwas gibt: Wie sieht ein durchschnittlicher Tag bei Ihnen aus?
Diesen durchschnittlichen Tag gibt es definitiv nicht. Fast jeder sieht anders aus. Während der Session stehe ich früh auf, nehme die Kinder auf, Schule, Kita, dann Bundeshaus. Ausserhalb der Session habe ich
 Sitzungen, Kommissionsvorbereitungstage, Medienanfragen. Langweilig wird es mir nicht.

Uns interessiert hier vor allem Ihre Affinität zur Kultur. Sie sind der bekannteste und engagierteste Berner Kulturpolitiker im Eidgenössischen Parlament! Einverstanden?
Da ich nun schon neun Jahre im Nationalrat sitze, bin ich einer der Amtsältesten in der Kulturkommission. Ich weiss mittlerweile recht gut, wie es läuft. Das hilft sicher sehr.

Als ehemaliger SRF-Tagesschau-Moderator waren Sie schon früh eine national bekannte Persönlichkeit. Die Boulevardpresse bezeichnet Sie als den bestaussehenden Parlamentarier. Wie leben Sie mit diesem Spagat, gleichzeitig ein angesehener linker Politiker zu sein, der vieles richtig macht, andererseits zur Boulevardfamilie zu gehören?
Das ist wahrlich ein Spagat. Doch wer gewählt werden will, muss nebst der Glaubwürdigkeit auch einen hohen Bekanntheitsgrad haben. Ich animiere die Politikerinnen und Politiker meiner Partei immer wieder, sich auch einmal in einem nicht politischen Umfeld zu zeigen. Die SP ist in diesem Bereich oft sehr steif unterwegs. Im Übrigen hat meine Präsenz in der Boulevardpresse stark abgenommen, finden Sie nicht?

Dazu kommt, dass Sie seit der Bekanntmachung Ihrer Beziehung mit der grünliberalen Nationalrätin Tiana Angelina Moser, mit der Sie inzwischen auch eine Tochter haben, Teil eines Traumpaares, eines Power Couple im Parlament sind.
Das tönt jetzt schon sehr boulevardesk. Nein, im Ernst, dass wir ein Paar sind, ist im Bundeshaus kein Thema mehr. Alle wissen es. Und das ist der Transparenz wegen gut so. Es gibt ja auch noch andere Paare unter der Bundeshauskuppel.

Beginnen wir ganz vorne: Als Sie klein waren, wollten Sie Schauspieler
 werden. Haben Sie diesen Kinderwunsch je weiterverfolgt? Oder haben Sie sowieso schauspielerische 
Qualitäten, die Ihnen jetzt als Politiker auch ganz gelegen kommen?
Fussballer wollte ich nebst Schauspieler auch noch werden. Mit diesen beiden Berufswünschen war ich in meiner Klasse nicht alleine. Gescheitert sind wir alle. Das ist auch gut so, denn mit Schauspielerei kommt man in der Politik nicht weit.

Für die Berner Kulturszene waren Sie die sogenannte Bundesmillion betreffend eine Art letzte Hoffnung. Nun haben Sie in der September­session diesbezüglich eine Nieder­lage erlitten. Was ist bei der Bundesmillion schiefgelaufen?
Die Bundesmillion hat eine lange Vorgeschichte und wird, seit ich im Parlament bin, in Frage gestellt. Zweimal haben wir sie noch in die Vierjahresplanung gerettet, nun war eine klare Mehrheit gegen diese Kulturförderung. Vor allem auch, weil all die Politikerinnen und Politiker, welche die Kulturmillion für die Bundeshauptstadt
aufgegleist haben, nicht mehr im
Parlament sind.

Ebenfalls stark engagiert waren Sie bei der Debatte um eine Abgabe von Streaming-Diensten zugunsten des Schweizer Filmschaffens. Der bundesrätliche Vorschlag einer 4%-Abgabe ist im Nationalrat auf eine magere 1%-Abgabe gekürzt worden. Ist das immer noch ein Erfolg, weil ein Teil des Parlaments die Abgabe ganz streichen wollte? Oder steht die Schweiz, falls die 1%-Abgabe kommt, europaweit im Abseits?
Die bürgerlichen Politikerinnen und Politiker wollten auf die Filmgesetzrevision gar nicht erst eintreten. Das konnten wir zum Glück verhindern. Viele von ihnen waren aber über dieses Eintreten so erbost, dass sie dem neuen Gesetz fast alle Zähne gezogen haben. Die Streaming-Anbieter wie Netflix oder Disney plus müssen zwar in Zukunft einen Teil ihres Umsatzes, den sie in der Schweiz machen, auch in Schweizer Filme investieren, aber eben nur ein Prozent. Das ist aus meiner Sicht klar zu wenig. Die Vorlage wird nun im Ständerat diskutiert. Ich bin überzeugt, dass der Ständerat den Prozentsatz wieder erhöhen wird.

Sie sind Präsident von Cinésuisse, dem Dachverband der schweizerischen Film- und Audiovisions­branche. Täuscht der Eindruck, 
dass im Moment vor allem die Kinos leiden, nicht nur wegen den neuerlichen Schliessungen, sondern auch, weil zu Hause Filme sehen so einfach geworden ist?
Die Filmbranche leidet sehr unter Corona. Man kann keine Filme drehen. Wer einen Film dennoch fertig gestellt hat, will ihn nicht ins Kino bringen, weil niemand dort ist. Die Kinos haben nach einer minimen Erholung im Sommer nun wieder leere Säle oder sind ganz geschlossen. Das ist eine Katastrophe. Wenn es bis Weihnachten so weitergeht, werden viele Kinos dichtmachen müssen.

Welchen Film haben Sie zuletzt im Kino gesehen?
«Moskau einfach» von Micha 
Lewinsky. Ich habe mich köstlich amüsiert. Solche Filme sind beste Werbung für das hiesige Filmschaffen.

Haben Sie ein Netflix-Abo zu Hause? Haben Sie eine Lieblingsserie, auf deren nächste Staffel Sie sich schon jetzt freuen?
Ich habe ein Netflix-Familienabo. Ich schaue jedoch keine Filme auf Netflix. Meine Töchter hingegen schauen so oft, dass der durchschnittliche Filmkonsum im Haushalt sehr hoch bleibt.

Im Parlament sind Sie unter anderem Mitglied der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur. Bei der Kultur sind aber in der Schweiz, mit Ausnahme des Films, Kantone und Gemeinden zuständig. Seit Jahrzehnten wird das Kulturangebot immer grösser und es gibt eine manchmal ungute Konkurrenz zwischen Kantonen und Kommunen. Wünschen Sie sich manchmal, ähnlich wie im Film, etwas mehr Zentralismus in der Kulturförderung?
Das mit dem Zentralismus und dem Föderalismus ist so eine Sache. Als Bundespolitiker hätte ich natürlich gerne zwischendurch etwas mehr Zentralismus. Aber die Historie zeigt, dass der Föderalismus die Schweiz zu dem gemacht hat, was sie heute ist. Deshalb sage ich auch im Kulturbereich: Lassen wir es so wie es ist. Sie sagen ja selbst, dass das Kulturangebot immer grösser wird. Das System scheint zu funktionieren.

Sie engagieren sich auch im Bereich Musik, etwa als Präsident der Interessengemeinschaft Musik­instrumentenbauer sowie in der Parlamentarischen Gruppe Rock/Pop. Schlägt Ihr Herz eher für Rock/Pop oder für die Klassik?
Ich bin in einer Klassik-Familie aufgewachsen. Ich liebe Barockmusik und Wiener Klassik. Doch im Gegensatz etwa zu den Puritanern in meiner Familie höre ich auch Pop und ab und zu auch Folklore. Musik prägt bei mir fast alles.

Finden Sie auch Zeit, selber Musik zu machen? Und gehen Ihre Töchter zum Musikunterricht? Gibt es da gelegentlich kleine Familienkonzerte?
Die Instrumente in unserem Familienorchester kommen und gehen. Die eine Tochter spielt Violine, Gitarre und Klavier. Sie ist aber leider gerade ausgezogen. Eine spielt Cello und Gitarre und die zweitjüngste Tochter spielt Klavier und singt wunderbar. Ich selbst spiele Violine. Doch leider musizieren wir selten alle zusammen.

Wie oft haben Sie Zeit, eine Kulturveranstaltung zu besuchen? Und wo trifft man Sie an, wenn Sie als Kulturkonsument unterwegs sind?
Dank meinen Präsidien bin ich oft an Filmfestivals oder an Musikkonzerten. Das letzte war eine Vorführung einer Blasmusik-Formation zu Ehren der Diplomandinnen und Diplomanden im Musikinstrumentenbau. Museen, Buskers, Energy-Night… Wie gesagt, ich liebe es bunt.

Und welches Buch liegt auf Ihrem Nachttisch?
Ich habe mir grad «Der Gesang der Flusskrebse» von Delia Owens gekauft. Die ersten paar Seiten zerrissen mir fast das Herz.

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