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Zakir lässt sich in «Görülmü¸stür – Passed by censor» von den Briefen der Häftlinge für seine Texte inspirieren. © BAC Films Distribution
Kino Rex, Bern

Zensuren und Zäsuren

Observation ohne Grenzen, aber auch Grenzen und Einschränkungen ohne Ende. Im Kino Rex finden erstmals die Orient Express Filmtage statt, der Programmschwerpunkt liegt auf türkischen und türkisch-kurdischen Filmen.

Als Autor oder Filmemacher zensiert werden, das kann in diktatorischen Regimes als eine Art Gütesiegel verstanden werden, bedeutet aber gleichzeitig Lebensgefahr. Im türkischen Film «Görülmü¸stür – Passed by censor» von Serhat Karaaslan geht es um eine andere Art von Zensur, die, bei der man seinem Objekt der Beobachtung extrem nahe kommt.

Protagonist Zakir ist neu im Dienst und verbringt seine Tage in Uniform damit, kompromittierende Stellen über Folter oder politische Aktivitäten in den Briefen an und von Häftlingen unkenntlich zu machen. Anders als seine Kollegen, hat er wenig Interesse an pikanten Details aus dem Leben der Insassen. Was ihn fasziniert, ist das Geschichtenschreiben, dem er in einem Abendkurs nachkommt. Kein Wunder also, nimmt ihn eine besondere Geschichte gefangen – Selma, die Frau eines Insassen, schreibt, dass ihr der Schwiegervater nicht von der Seite weiche. Zakir entwendet ein Foto von ihr aus einem Brief und schreibt dazu seine erste Kurzgeschichte. Damit verwischt ihm zusehends der Unterschied zwischen Realität und Imagination.

Retter oder Stalker?

Wie ein Geist verfolgt er Selma, die ihn entgeistert anstarrt, aber gleichermassen fasziniert ist von diesem Wärter, der sowohl Retter als auch Stalker sein könnte. Zakir übertritt zusehends die Gefängnisregeln und schottet sich sozial ab. Er ist getrieben von seiner eigenen Fantasie, unfähig, die Realität klar erkennen zu können. Karaaslan zeigt hier ein starkes Bild: Zensur nämlich macht auch mit den Zensierenden etwas. Jene, die hier Macht ausüben und Fakten auslöschen, sie entfernen sich von sich selbst, werden fast selbst zu Gefangenen.

Ost-West-Brücke

Der Spielfilm wird im Rahmen der ersten Orient Express Filmtage gezeigt, die statt wie geplant im Mai nun in kleinerem Rahmen im September stattfinden. Der gleichnamige Verein um Regisseur Aydin Sevinc will in dieser ersten Ausgabe türkische und kurdisch-türkische Filme zeigen. Sevinc will mit der Metapher der Ost und West verbindenden Eisenbahn für die grosse in der Schweiz lebende türkisch-kurdische Gemeinschaft und Kultur sensibilisieren. Weiterer schöner Nebeneffekt: Das Festival kann in der Schweiz kritisches und ästhetisch eigenwilliges Filmschaffen zeigen, das in der Türkei unter Erdogan einen extrem schwierigen Stand hat. In einer nächsten Ausgabe soll auch Filmschaffen aus den umliegenden, kurdischen Regionen gezeigt werden.

Unüberwindbare Grenzen

Dass ein Grenzübertritt in keiner Form einfach ist, das dokumentiert der Film «Diyalog – Dialog» vom kurdisch-türkischen Regisseur Selim Yıldız. Seine Mutter Besna versucht darin, aus der Türkei ins kriegsversehrte Syrien, genauer nach Rojava, einzureisen, um ihren Sohn, der dort gegen den IS kämpft, nach gut zehn Jahren der Trennung zu besuchen. Sein Weggehen ist eine Zäsur in der Familiengeschichte: Was macht der Vater nun mit den Pferden, die er für jeden seiner Söhne gekauft hat? In welcher Grösse strickt man den Pullover für den heldenhaften, durch Distanz verklärten Sohn? Warum bewirkt sein Wegsein mütterliche Aussagen wie «für ihn würde ich sterben»? Und welche Wunden hauen Kriege und Grenzen in Familiengeschichten?

Kino Lichtspiel, Bern. Sa., 5.9., 12 Uhr: Podiumsdiskussion zum Thema «Kino In der Türkei»

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