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Ensembles als Versuchsanordnungen: Die Jazzwerkstatt spielt mit Gruppendynamiken und erzeugt produktive Spannungen.© ZVG
Turnhalle im Progr, Bern

Hören, wer wie zu wem steht

Ein Labor, in dem Klänge untersucht, produziert und verfremdet werden: Die Jazzwerkstatt richtet sich zum 14. Mal in der Turnhalle im Progr Bern ein. Mit dabei auch die Zürcher Musikerin und Komponistin Joana Aderi mit «Hikikomori».

«Meine Erfahrung ist, dass wenn Künstler*innen über ein ganzes Festival an einem Ort sind und diese kreative Energie spüren, sich Neues formiert und Neues ergibt – eine Art Naturkraft.» Was die Zürcher Musikerin und Komponistin Joana Aderi beschreibt, ist auch das Motto der Jazzwerkstatt: Ideen teilen, Erforschtes ausprobieren und improvisierend weiterforschen. «Passieren lassen und schauen», so Aderi.

Die Band als Spielwiese

Joana Aderi bildet mit Zooey Agro und den Jazzwerkstatt-Mitgründern Marc Stucki und Benedikt Reising das diesjährige Programmationsquartett. Wie die restlichen Kurator*innen, steht auch sie selbst auf der Bühne – mit ihrer Komposition «Hikikomori». In dieser Komposition, die von einem zehnköpfigen Ensemble gespielt wird, vertont Joana Aderi das Ringen um einen Platz in der Gruppe – und das Scheitern daran. «Eine Band oder ein Ensemble ist für mich eine Spielwiese all dieser Prozesse. Herausfordernde Gruppendynamik zeigt sich auch in einer Band mit ganz wundervollen Menschen, gerade in den Improvisationen. Ich möchte hörbar machen, wer wie zu wem steht.»

Produktive Spannung

Die Dynamik zwischen Kontrast, Konfrontation und Harmonie sei dabei interessant und lasse sich auch in der Instrumentierung mit den tiefen Blechbläsern und den hohen Tönen der Blockflöte finden. Auch die Vocals, mit Bruno Amstad als eine Art Stimm-Urkraft und der Opernsängerin Julia Neumann, erzeugen eine Spannung. «Ich bin gespannt, was geschehen wird, wenn sie aufeinandertreffen», sagt Aderi. Obertonsänger Amstad arbeitet mit Stimmverfremdung, für Aderi eine Inspiration: «Ich habe ihn als Studierende gehört und für mich war es eine Initialzündung. Ich entdeckte, was mit der Stimme alles möglich ist.» erinnert sie sich.

Bereits auf ihrem letzten Album, «Randomly I Bite», setzte sich Aderi, die auch als Musiktherapeutin in der Psychiatrie und im Gefängnis arbeitet, mit Depression auseinander. Mit ihrer neuen Komposition setzt sie nun die Erforschung psychisch beklemmender Zustände fort. So verbirgt sich hinter dem poetisch-kryptischen Titel der Komposition «Hikikomori» ein japanischer Begriff, der Menschen bezeichnet, die sich komplett aus der Gesellschaft zurückziehen und über einen längeren Zeitraum in einem Raum isolieren.

Kompletter Rückzug

Aderi erzählt, dass sie das Thema schon länger beschäftigt habe, noch bevor es in den vergangenen zwei Jahren an zusätzlicher Aktualität gewann. Gruppen und Rückzug: Ein Thema, mit welchem wir alle immer wieder konfrontiert seien, das zum Menschsein gehöre, so Aderi. «Ich nähere mich einem Thema gerne aus Extrempositionen an. ‹Hikikomori› ist für mich das Extremste, ein absolutes Abmelden aus der Gesellschaft».

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