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Der schweizerisch-nigerianische Komponist Charles Uzor befasst sich in «Mothertongue» mit der Sprache seiner Kindheit.© Michel Canonica
Diverse Orte, Bern

Klangverschiebungen

Unter dem Motto «Tektonik» bietet das Musikfestival Bern ein abwechslungsreiches Programm mit alter und neuer, improvisierter, experimenteller und elektronischer Musik.

 

«Igigi … esiosu» (Die Fliege, die nicht zuhört, folgt den Tauben) ist ein Sprichwort der Igbo, einer nigerianischen Ethnie. Diese und acht weitere Redewendungen kommen in der Komposition «Mothertongue III Fire.mimicri» des schweizerisch-nigerianischen Komponisten Charles Uzor vor, und zwar in Form von elektronisch veränderten Tonaufnahmen. Die Stimme, die die Texte spricht, ist jene seiner Mutter. Uzor hat sie im Jahr 2011 aufgenommen mit dem Ziel, die Sprache der Igbo in sich wieder zum Leben zu erwecken. Jene Sprache, die er als Siebenjähriger innerhalb eines halben Jahres verlernte, als er in den 60er-Jahren wegen des Bürgerkriegs aus Nigeria flüchten musste.

«Etwas zutiefst Authentisches»

In die afrikanische Atmosphäre, die dieses Klanggebilde erzeugt, kann das Publikum am Konzert «Mothertongue» im Rahmen des Musikfestivals Bern eintauchen. Nach dem Eröffnungsstück «8’46’’ George Floyd in memoriam» präsentiert das zwölfköpfige Ensemble Mothertongue alle fünf Kompositionen des Mothertongue-Zyklus von Charles Uzor. Die Texte, die die österreichische Mezzosopranistin Isabel Pfefferkorn live rezitiert, singt, flüstert oder stammelt, basieren auf Sprachschöpfungen von verschiedenen Autoren, etwa von Paul Celan oder Samuel Beckett. «Während des Kompositionsprozesses habe ich die ursprünglichen Texte stark dekonstruiert. Durch die Überlagerung mit Musik entstand dann etwas völlig Neues, etwas für mich zutiefst Authentisches», sagt Uzor, der es grundsätzlich ablehnt, Texte musikalisch auszudeuten.

Solcherart Brechungen, Schichtungen und Neubildungen in der Musik und in der Sprache bringt das Musikfestival Bern nun mit dem dies­jährigen Motto «Tektonik» in eine gedanklich-reflexive Verbindung zum geologischen Schwingungs- und Bewegungsphänomen in der Erdkruste. Zu diesem Thema passt etwa auch die Messe «Et ecce terrae motus» zu zwölf Stimmen des französischen Komponisten der Renaissance Antoine Brumel, die Bernvocal unter der Leitung von Fritz Krämer zu Beginn des Konzerts «Und die Erde bebte» erklingen lässt. Der Titel dieses vielschichtigen Werks nimmt Bezug auf die Bibelstelle, in der Matthäus den Moment schildert, als bei der Auferstehung Jesu der Stein vom Grab weggewälzt wurde: «Und siehe da, da geschah ein grosses Erdbeben.»

Ein Projekt, das sich in Echtzeit mit Erd-Beben auseinandersetzt, ist die Live-Installation «Drift» des Saxofonisten Christian Kobi, des Klarinettisten Christian Müller und der Autorin Regina Dürig in der Krypta der Kirche St. Peter und Paul in Bern. Diese künstlerische Einrichtung wandelt die Messdaten des Schweizerischen Erdbebendienstes der ETH Zürich in Töne um. Zu gewissen Zeitfenstern ist sie kostenlos zugänglich, doch an vier Terminen improvisiert ein transdisziplinäres Performance-Ensemble mit Stimme, Instrumenten und Elektronik über den Kontinentalplattenklängen.

Und auch emotionale Erschütterungen soll es geben, so etwa am Abschlusskonzert «Dies Irae» (Tag des Zorns): Die Camerata Bern unter der Leitung von Patricia Kopatchinskaja will mit ihrem aufwühlenden, szenischen Konzertprogramm auf den Klimanotstand aufmerksam machen. Zu erleben gibt es unter anderem das Werk «Dies Irae Nr. 2» für acht Kontrabässe, Holzwürfel und Klavier der Komponistin Galina Iwanowna Ustwolskaja sowie die Uraufführung der Komposition von Kopatchinskaja «Asphyxia» (Ersticken).

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