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Off the Record

von Ronja Fankhauser
© Olivia von Wattenwyl/Blackyard

Ronja Fankhauser

Ronja oder Ra Fankhauser ist auf einem Bauernhof im Gantrisch aufgewachsen und lebt mitten in der Stadt Bern. Ra ist Schriftsteller*in ohne Pronomen, studiert am Literaturinstitut in Biel und reflektiert off-the-record sich selbst und das, was politisch und kulturell so läuft.

Diesen Sommer höre ich «Blutbuch» von Kim de L’Horizon. Kim hat in Biel literarisches Schreiben studiert, war während der Spielzeit 21/22 Hausautor*in an den Bühnen Bern und hat dort das Stück «Ein Sommernachtstraum» produziert. Ein naher Mensch liest mir «Blutbuch» vor, und der Text verschluckt uns. Die Erzählfigur wächst in Ostermundigen auf, ein geschlechtsloses Kind, das einen Blutbuchenbaum in seinem Bauch wachsen spürt. Es versucht, die eisigen Blicke der Mutter zu schmelzen und die harte Schale der Grossmutter zu knacken, übt das Menschsein und das Körpersein, erkundet den Garten um das Haus.

Verwirrt kämpft es mit der Entscheidung, was es werden soll, Mann oder Frau, probiert vor dem Spiegel die beiden Rollen aus, findet ihre Vor- und Nachteile. Später wird das Kind erwachsen und lebt für eine Weile im Mann-Sein, im Schwul-Sein, bevor es die Geschlechterrollen wie einen alten Mantel ablegt und im Dazwischen bleibt.

Ab dem zweiten Kapitel wird aus dem Kind die Ich-Erzählfigur, die mittlerweile in Zürich wohnt. Einen Sommer lang geht dieses Ich, das Form und Namen mit Kim de l’Horizon teilt, Recherche-
arbeiten zum eigenen Stammbaum nach, besucht die Grossmutter im Altersheim, füllt die Leere mit Grindr-Hookups.

Das Buch ist eine Collage aus Autobiografie und Erfundenem, ein Zusammenstückeln von Erinnerungen, Fantasien und Träumen. Kim schreibt über Analsex, Lebensläufe und Demenz, schreibt übers Schreiben und den langen Blick zurück zu den Vorfahr*innen.

Dabei wird die Sprache verformt wie Knete, Hochdeutsch mischt sich mit Englisch, Französisch und Schweizerdeutsch, es wird mit Capslock und Fuss-zeilen gespielt, mit Quellen und Schrift-
arten. Als non-binäre Person sehe ich mich im Buch oft gespiegelt. Dann kommt es mir ab und zu aber vor, als wäre die Geschichte nur für Kim selbst bestimmt, nicht für ein Publikum, und ich fühle mich wie ein Eindringling. Stellenweise finde ich den Text so gut, dass ich nach dem Zuhören Zeilen mit Rotstift unterstreiche, stellenweise langweilt er mich, nur um mich dann doch wieder in seinen Bann zu ziehen. Ein Buch, das mich berührt und verwirrt.

«Blutbuch» von Kim de L’Horizon erschien im Juli 2022 bei Dumont.

Illustration: Olivia von Wattenwyl, Blackyard


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