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Off the Record

von Olivia von Wattenwyl, Blackyard
© Olivia von Wattenwyl/Blackyard

Olivia von Wattenwyl, Blackyard

Ronja oder Ra Fankhauser ist auf einem Bauernhof im Gantrisch aufgewachsen und lebt am Rand der Stadt Bern. Ra ist Schriftsteller*in ohne Pronomen, studiert am Literaturinstitut in Biel und reflektiert off-the-record sich selbst und das, was politisch und kulturell so läuft.

Mit 19 bin ich Kulturschaffende*r geworden. Ich bin rückwärts in den Beruf reingestolpert, als hätte ich mich aus Versehen an eine Tür angelehnt, die schon einen Spalt weit offen stand. Später habe ich gelernt, dass dem tatsächlich so 
war: Es in der Kunst irgendwo hin zu bringen, hat ein bisschen mit Talent und vor allem sehr viel mit Networking, Privilegien und Zufällen zu tun. Im Networking bin ich eher schlecht, weil ich Wein und Augenkontakt hasse, aber dafür hatte ich mit den Zufällen Glück. Vor allem aber bin ich weiss und war am Gymnasium – das ist der Teil mit den Privilegien: Dinge, die mir nur deshalb einen Vorteil verschaffen, weil andere diskriminiert werden. Als meine Maturaarbeit als Buch veröffentlicht wurde und ich plötzlich mit einer Art von Erfolg und Öffentlichkeit konfrontiert war, habe ich angefangen, mir Fragen zu stellen.

Für mich lag und liegt ein Stolperstein im Bezug auf Öffentlichkeits-arbeit beispielsweise darin, dass ich trans bin. Meine Bitte, dass in Artikeln über mich keine Pronomen verwendet werden sollen, löst meist dieselbe Reaktion aus: «Okay, ich werd’s versuchen, aber –», 
gefolgt von einem Monolog darüber, wie schwierig es ist, ohne Pronomen zu schreiben. Ich antworte dann manchmal: «Wenn ich’s hinkrieg’, dann schaffen Sie’s ja wohl auch, nicht? Schliesslich machen Sie den Beruf seit 20 Jahren, und ich hab’ erst grad angefangen.» Oder: «Sehen Sie’s als Challenge, als Schreibübung.» Das bringt die meisten dann zum Schweigen.

Trotzdem habe ich anfangs, als es mir noch schwerer fiel, das mit den Pronomen als Forderung statt als Bitte zu formulieren, ständig gegenderte Texte über mich zum Gegenlesen gekriegt. Es wurden Sätze geschrieben – und abgedruckt – wie: «Sie sagt, sie will nicht, dass für sie Pronomen verwendet werden.»

In der Kulturszene, wie auch sonst überall, nehmen immer noch vor allem weisse, nicht behinderte cis-hetero Männer Machtpositionen ein. Sie können es sich leisten, Bedürfnisse von weniger privilegierten Personen zu ignorieren und sich nicht mit den oben gestellten Fragen zu beschäftigen. So wird strukturelle Diskriminierung aufrechterhalten – und nur wenn wir auch von diesen 
Menschen Selbstreflexion fordern und ändern, wer worüber entscheidet, können wir die Tür zur Kulturszene für alle aufmachen.


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