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Pegelstand

von Christian Pauli
© Rodja Galli, a259

Christian Pauli

Christian Pauli ist etwas mehr als YB-Modefan, Leiter Kommunikation und Publikationen der HKB. Er lebt in Bern, hat vier Kinder, mag gerne radikale Kunst und dicke Zeitungen.

Es gibt nicht viele Momente in meinen Leben, die ich als so explosiv erlebt habe wie die 89. Minute am 29. April 2018, als Jean-Pierre Nsame die Young Boys zum Meistertitel schoss. Lange Spielminuten davor hatte ich mir ernsthaft Gedanken gemacht: Ertragen mein Herz, mein Kopf, mein Magen das alles? Als es dann soweit war, um 21 Uhr, in der anbrechenden Frühsommernacht in einem Hof in der Länggasse ... seit Jahren hatte ich mir ausgemalt, was mit dieser Stadt passiert, wenn es endlich soweit ist, und YB einen Titel auf sicher weiss. Jetzt, da das vergeigte Double den schier endlosen Taumel jäh beendet hat, muss ich sagen: Die Euphorie hat mich auf dem falschen Fuss erwischt. Kulturelles Unbehagen macht sich breit.

Züri Wests «Irgendeinisch fingt ds Glück eim» ist melancholische Setzung und euphorische Auflösung zugleich. Besser kann Popmusik Verlust und Fantasie nicht beflügeln; so inbrünstig sang die Stadtberner Volksseele nie. Überhaupt krass, wie viele Berner Mundartmusiker sich vom gelb-schwarzen Taumel mitreissen lassen. Dumm nur, dass der Lokalpatriotismus, den die Young Boys an die Oberfläche gespült haben, kulturell so eintönig und abgeschmackt daherkommt. Wo sind nur die Berner Künstlerinnen geblieben? Wo der quere Underground? Die Kids aus der Agglo? Nach dem Meisterspiel hing am Balkon des Stadttheaters eine YB-Fahne. Allerdings nur zwei Tage. Auch zur Hochkultur passt gelbschwarz nicht wirklich.

Die Sportstadt habe sich mit der Musikstadt verschränkt, schrieb Urs Frieden, der stadtbekannte YB-Fan und Antirassismus-Aktivist im Glückstaumel. Das mag stimmen – aber nur, wenn man eine beschränkte Wahrnehmung von Musik, Kultur oder Stadt hat. Ich plädiere dafür, dass «Bölzmeister Kusi» von der Rabe-Sendung «Bölz no eis» zukünftig das Musikprogramm von Radio Gelb-Schwarz besorgt, welches wiederum – nach ein paar Pflichtbesuchen von Punkkonzerten im Rössli in der Reitschule – das Programm der Meisterfeier in einem Jahr bestellt. Oder, dass man die Meisterfeier gleich ins Rahmenprogramm des Theaterfestivals Auawir­leben integriert, das fast gleichzeitig stattfindet. Etwas kulturelle Befruchtung täte der nächsten YB-Euphorie gut.

 


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