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Pegelstand

von Barbara Boss
© Rodja Galli, a259

Barbara Boss

Barbara Boss ist freischaffende Produktionsleiterin und Dramaturgin. Sie ist ein «Bärgmeitschi» aus dem Oberland, fühlt sich aber in der Stadt Bern heimisch. Sie mag guten Schnaps, Bruce Springsteen und Katharsis im Theater.

Eigentlich wollte ich am Frauen*streik für den «Pegelstand» Tagebuch führen. Um 9 Uhr habe ich mein Notizbuch zum letzten Mal gezückt. Danach war ich zu überwältigt von der schieren Wucht und Erhabenheit der Frauen*gemeinschaft, die Berns Strassen und Plätze zum Beben brachte. Zu beschäftigt mit Streiken, Singen und Schreien. Zwei Tage später versuche ich, das Erlebte in Worte zu fassen. Blitzlichtartig tauchen Gesichter, Momente und Gesprächsfetzen auf:

Als an die 300 Kulturschaffende die noch schlummernde Spitalgasse blockieren, fragt ein Bernmobil-Mitarbeiter, der den Weg für den Bus frei machen möchte: «Chöimer wyter louffä?». Die Antwort kommt laut und aus vielen Mündern: «Smash, smash, smash old structures! We are feminists of the cultures! We will build a new society on respect and equality!»

Bei der Kafipause höre ich ein Gespräch am Nebentisch, das damit endet, dass der ältere Herr den zwei 
jüngeren ReSisters «Auso, ä schönä Freitag!» wünscht. Ich antworte «Äs isch kei Freitag, äs isch ä Streiktag!». Er meint: «Dr Unterschid ischmer scho bewusst.» Adieu, u merci für nüt!

Als um 11 Uhr Bundesrätin Viola Amherd, Nationalratspräsidentin Marina Carobbio und ihre Kolleginnen auf den Bundesplatz treten, um den Unterbruch der Ratssitzung zu feiern, steht meine Freundin weinend neben mir. Die Menge lärmt eine halbe Stunde lang.

 

Der Bub eines Freundes sagt am Kinderwagenumzug zu mir, dass er heute nicht zur Schule gehe, sondern mit seiner Mama streike.

Sandra Künzi moderiert die Reden und Performances auf dem Bundesplatz mit Bravour und pinken Gummihandschuh-Epauletten. Numä Liäbi!

Die Mutter einer Freundin streikt mit uns. Vor 28 Jahren sei sie am Gebären gewesen, aber heute – heute sei sie da.


Herzdank an alle, die an diesem wegweisenden Tag gestreikt oder sich solidarisiert haben. Nach dem Streik ist vor dem Streik. Es gibt noch viel zu tun.

In diesem Sinne: «Mir isch gschlächt!»

 


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