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Pegelstand

von Wolfgang Böhler
© Rodja Galli, a259

Wolfgang Böhler

Wolfgang Böhler ist Philosoph, Dozent für Musikphilosophie und -psychologie und Gründer des Onlinemagazins Codex flores. Er publiziert zu Musikwirkungsforschung und Kulturpolitik und ist Dirigent von Männerchören.

Die kleineren Theater in Bern streiten mal wieder wegen der Unterstützungs­beiträge. Breitgeschlagen hat das die «Berner Zeitung». Völlig unabhängig davon, ob die aktuellen Argumente nun Hand und Fuss haben: Meine erste Regung war so eine Art Nichts-Neues-unter-der-Sonne-Gefühl. Ich war Ende der 70er-Jahre in der Kramgasse in den Gründerjahren des Theaters 1230 Teil des Ensembles. Das war eine eher skurrile Truppe, angeführt von einem Einzelgänger, der heute mit seinem Regime aus Willkür und Übergriffen in der Szene wohl keinen Platz mehr hätte. Damals wurde das Kulturleben Berns einerseits geprägt von obrigkeitsgläubigem Patriziergeist mit leicht oligarchischem Einschlag. Andererseits bestimmten selbstgestrickte Kulturtäter die Szene, die handwerklich zwischen völlig unbedarft bis brillant agierten.

Bern ist von diesen sozialen Polen schon immer geprägt worden. In kaum einer lokalen Kirchengeschichte wimmelt es so von selbsternannten Propheten, und ein bedeutender Teil der hiesigen Volkskultur lebt von Sonderlingen, Fantasten und Provokateuren querbeet durchs politische Spektrum. Nichtbernerinnen und -berner würden kaum alle als ausgeprägte Sympathieträger bezeichnen. Natürlich bin ich weit davon entfernt, die heutigen Akteurinnen und Akteure der Kultur­debatte in solche Kategorien einzu­teilen. Dennoch sollte die Berner Kulturförderung im Auge behalten, dass das Schräge, Verschrobene, Abseitige oder Schrullige einen wesent­lichen Teil der hiesigen Volksseele ­ausmacht. Der durchaus löbliche Kosmopolitismus, der dank Globalisierung und Migration auch in den Mutzen­mauern Einzug halten soll, kann nicht darüber hinwegtäuschen: Kultur in Bern wird den Stallgeruch der hinterwäldlerischen Schlaumeier und Tüftler nicht los. Manchmal entsteht daraus, wie bei Dürrenmatt, Wölfli oder Luginbühl, ja auch Weltkunst.

 


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