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Pegelstand

von Sibylle Heiniger
© Rodja Galli, a259

Sibylle Heiniger

Sibylle Heiniger ist Regisseurin und Produzentin und engagiert sich bei t. Bern, dem Berufsverband fürs freie professionelle Theaterschaffen. Sie ist zudem Mitglied der städtischen Tanz- und Theaterkommission. Da am neuen Wohnort Biel die geliebte Aare zum See wird, lernt sie nun segeln.

 

Ich war demonstrieren. An der Klimademo. Unfreiwillig. Meine Nichte wollte hin, an ihre erste Demo in ihrem noch kurzen Leben. Zu Hause malte sie ihr Kartonschild. Und gemeinsam schritten wir los, Richtung Waisenhausplatz. Zum ersten Mal trug sie eine Maske, aus anderen Gründen als wir früher an Demos. Aus bekannten Gründen. Bis dahin kam sie drum herum, denn sie ist noch nicht 12. Eine Menge junger Demonstrierender war da. Ich fühlte mich schlagartig alt. Und ich war froh drum, wollte meine Nichte nicht mitten ins Geschehen. Sie setze sich auf ihr Kartonschild und ich tat es ihr gleich, nicht auf den Karton (ich malte kein Schild), sondern auf den Rucksack. Ich erklärte ihr die schwarz-rote Flagge und die Fahne mit dem A, die geschwenkt wurden, und die englischen Parolen. Und dann ging es los, Richtung Zytglogge. Verhalten waren wir beide. Ihr Schild trug sie bei sich, verdeckt. Ich schaute verstohlen Richtung Ringgi und Adrianos, ob ich jemanden erkenne. Wir fielen im Demozug etwas ab. Dadurch erblickte ich ein paar Weisshaarige hinter mir mit ihrem Transparent: «Grosseltern fürs Klima». Aha, dachte ich und mir wurde wohler. Ein Klatschen ging durch die Menge, meine Nichte klatschte mit. Und sie hob ihr Schild in die Höhe, tat es den anderen gleich. Ich klatschte auch. Vor der Reitschule löste sich die Demonstration auf. Meine Nichte meinte, es fühle sich gut an, weil sie das Gefühl habe, sich für etwas einzusetzen. Das konnte ich bejahen, auch wenn ich mich wieder an das Gefühl gewöhnen muss, dafür öffentlich einzustehen.

Ein paar Tage später stand ich im Wankdorf, ohne Nichte, aber mit vielen Kulturschaffenden. Ein Statement vor der Stadtratssitzung gegen die Kürzungen in der Kultur. Das war auch ein gutes Gefühl. Und der Stadtrat hat die Kürzungen abgelehnt. Dankeschön! Was uns ab dem Jahr 2022 erwarten wird, ist noch unklar. Genauso wie beim Klimaschutz. Deshalb: lasst uns öfter wieder zusammen hinstehen, einstehen. Nicht nur fürs gute Gefühl, sondern weil auch etwas erreicht werden kann.


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