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Pegelstand

von Wolfgang Böhler
© Rodja Galli, a259

Wolfgang Böhler

Wolfgang Böhler ist Philosoph, Dozent für Musikphilosophie und -psychologie und Gründer des Onlinemagazins Codex flores. Er publiziert zu Musikwirkungsforschung und Kulturpolitik und ist Dirigent von Männerchören.

Ich verbringe die Wintermonate in der Amazonasmetropole Manaus in Brasilien – beschäftigt mit mehreren Kulturprojekten. Die Megacity ist in jeder Hinsicht ein Gegenstück zu Bern: Sie hat mehr Einwohner als die Kantone Zürich, Bern und Basel zusammengenommen, aber eine noch sehr überblickbare Kulturszene. Sie ist durch und durch urban und mutlikulturell, mit zahlreichen Brachen, fragiler Infra-struktur und Freiflächen, auf denen Neuzuzüger in Form von «Invasionen» spontan neue Quartiere erschaffen. Dies hat auch Schattenseiten, weil sich in diesen Siedlungen neben verblüffender Überlebenskreativität der Besitzlosen schnell auch krimi-nelle Banden und Drogenhandel einnisten.

 

Kulturräume sind schnell, einfach und billig einzurichten, und eine rudimentäre Kulturstrategie gibt es erst seit Anfang des 21. Jahrhunderts. Historischen Ballast gibt es kaum – abgesehen vom berühmten Opernhaus, das baulich gutbürgerlich traditionell daherkommt. In der Programmierung funktioniert es aber eher als eine Art Kombination aus Bierhübeli, Dampfzentrale und Kulturcasino.

Die künstlerische Freiheit ist hier nahe am Äquator fast unendlich, und für jede noch so schräge Idee findet sich ein junges, hungriges Publikum. Statt Unesco-Weltkulturerbe ist Aufbruch angesagt. Konzerte und Theater sind fast ausschliesslich gratis, weil sowieso niemand Geld hat, und selbst eher handgestrickte Projekte haben eine erstaunliche Dringlichkeit.

Im behäbigen Bern wird man von der Überfülle an historischem Erbe und Kultur von höchster Qualität hingegen fast erdrückt und gelähmt. Selbst bei exzellenten neuen Kulturprojekten fragt man sich da häufig, 
ob es die jetzt wirklich auch noch braucht.

Wie finden wir in der Zähringerstadt zurück zu inspirierender Aufbruchstimmung, wie man sie hier mitten im Urwald erleben kann?


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