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Pegelstand

von Manuel C. Widmer
© Rodja Galli, a259

Manuel C. Widmer

Manuel C. Widmer ist Primarlehrer, Stadtrat (GFL), als plattenleger mcw (Zweitklass-)DJ in diversen Berner Klubs und als YB-Fan auch an Fussballkultur interessiert. Er ist leidenschaftlicher Koch und Vorstand der BuCK-Nachtleben Bern.

Sorry – ich muss Sie enttäuschen. Natürlich hätten Sie nach den letzten ­«Pegelstand»-Kolumnen jetzt gerne gelesen, was der «Politiker», der letztendlich das Geld mitverteilt, zur Spardebatte beizutragen hat. Mir ist da was dazwischen gekommen. Wir werden über Kultur und Geld, über Existenzgrundlagen für Kulturarbeitende diskutieren müssen. Aber vorher muss die Diskussionkultur gerettet werden. Die geht Eiweisssüssspeisen-bedingt grad den Schockobach runter – nicht nur in den Kommentarspalten und Sozialen Medien.

Das liegt auch daran, wie schnell wir vergessen (wollen). Am 7. Januar 2015, unmittelbar nach dem Terror­anschlag auf die Satire-Zeitung «Charlie Hebdo», bekundeten Millionen Menschen weltweit ihre Solidarität via Hashtag #JeSuisCharlie. 10 Monate später war die Welt Paris (#JeSuisParis). Eine Betroffenheitsbekundung gegenüber den Toten und Verletzen bei den Anschlägen auf das Konzert­lokal Bataclan und weiteren Orten in Paris.

Letzte Woche hat sich mir die Kehle zugeschnürt. #JeSuisDubler musste ich hundertfach zur Kenntnis nehmen. Der Hashtag wurde zur Sympathie­bekundung mit dem Waltenschwiler Unternehmen, das ebendiese mit Luft gefüllten Proteinschaumspeisen mit Kuvertüre herstellt, über die die halbe Schweiz aneinander vorbeiredete.

#JeSuisDubler als Zeichen jener, die sich ein Bein dafür ausreissen, einem Confisserieprodukt weiter einen Namen geben zu dürfen, der andere beleidigen könnte. Häufig mit der Historie begründet: «Das war schon immer so, das hat geschichtliche Hinter­gründe …».

Und dann setzen sie dahinter geschichtsvergessen die Abwandlung eines Hashtags, der für ein trauriges Stück Geschichte steht, für über 140 Tote und fast 700 verletze Menschen? Wie wollen wir ernsthaft miteinander diskutieren, wie wollen wir aufeinander zugehen, wenn die Kultur der Auseinandersetzung auf einem solchen Tiefpunkt angelangt ist? Seien Sie, was immer Sie wollen – aber mit Anstand, Respekt und dem Blick fürs Wesentliche.

 


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