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Pegelstand

von Christian Pauli
© Rodja Galli, a259

Christian Pauli

Christian Pauli ist Kommunikationsleiter der HKB und co-leitet pakt bern – das neue musik netzwerk. Er pendelt zwischen Aare, Rhein und Schüss.

1986 oder 1987, Kunstmuseum. Ein jüngerer, elegant gekleideter und zugleich verlebt wirkender Mann mit Hut sitzt auf dem Boden, lässig an die kahle Wand hinter ihm gelehnt. Vor sich ein Kassettengerät. Er drückt auf die Tasten und singt. Mehr ist da nicht. Es sollte eines meiner prägendsten Konzerterlebnisse werden, längst entrückt im Reich der Erinnerungen.

Ghédalia Tazartès hiess der Mann mit Hut, der damals Mitte dreissig war,und mich, zehn Jahre jünger, mit seiner trashigen und sphärischen Performance im Berner Kulturtempel völlig überraschte. Was war das für ein Mensch? Grossstadtdandy? Ein von Gott abgefallener Muezzin? Avantgardist? Art-Brutist? Ich kaufte mir das selbstbetitelte Vinyl mit dem queeren Cover, dessen Musik ich auf Kassette kopierte. Der betörende Singsang von Tazartès, in einer selbsterfundenen Sprache, oft mehrfach geschichtet, verwoben mit eigentümlichen Soundcollagen, bestehend aus rudimentären, geloopten Aufnahmen von wenigen Instrumenten, Kinderstimmen, Tiergeräuschen, flüchtigen Zitaten, eingesprengt zuweilen etwas Noise, diese wunderliche Musik sollte mich auch auf Reisen begleiten – so stark hat sie mich in Bann gezogen.

Tazartès starb am 9. Februar 2021. Ich hatte den Musiker, der über 50 Jahre in grosser Bescheidenheit in der gleichen Wohnung in Paris wohnte und daselbst auch alle seine Alben aufnahm, zumeist vergessen gehabt. Eine Randnotiz, ein Künstler, der nichts gab auf Inszenierung oder Karriere, verschwand auch er zwischenzeitlich von meinem Radar. Nun, mitten im Kultur- und Gesellschaftsstillstand, erinnert mich Tazartès Verschwinden ungemein an die befreiende Kraft der Musik, die uns abhanden zu kommen scheint: Ohne live ist Musik nur halbe Utopie.

Tazartès aber, der 2009 das Festival Saint Ghetto in der Dampfzentrale und damit Bern zum zweiten Mal mit seiner Leibhaftigkeit beehrte, schien über den Umständen zu stehen. Im letzten November liess Ghédalia Tazartès, wie im Musikmagazin Wire zu lesen war, diese schön-traurigen Sätze verlauten: «I won’t be able to do anything any more, I am very ill. Please don’t worry, I had a wonderful life.»


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