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Autor und Verleger Bernhard Engler wird von seinen Haikus erhascht. © Driss Manchoube
Erlesen im Progr, Bern

Abseitig poetisch

Mit der Haiku-Sammlung «Heimlifeiss», die als Wortfächer bei Vatter & Vatter erscheint, präsentiert ­Bernhard Engler vom Verlag Lokwort im Erlesen im Progr berndeutsche Kurzgedichte abseits von Klischees.

Es gebe ja Leute, sagt Bernhard Engler, die oben auf dem Gurten immer gleich links zum Aussichtspunkt gingen, um das Alpenpanorama zu bewundern. «Ich hatte diesen Impuls eigentlich nie. Am liebsten schaue ich vom Gurten aus nach Norden, hinunter auf Bern, auf die Aare und all die Häuser, in denen ich einst gewohnt habe. Dabei werde ich dann jedes Mal emotional.» Dass Engler mit seiner Heimatstadt innig verbunden ist, wird deutlich, wenn man seine berndeutschen Haikus liest. Unter dem Titel «Heimlifeiss» erscheinen sie diesen Monat als Wortfächer im Verlag Vatter & Vatter. Auch dem Blick vom Hausberg hinunter hat der Autor ein Haiku gewidmet: «Der Fluss umgarnt d Stadt / wien e Gschänkpapierschloufe / chunnt ihre chuum aa». Für Einheimische werden die 50 poetischen Miniaturen wohl zahlreiche eigene Erinnerungen wachrufen; für Neuzugezogene bieten Englers Haikus einen Ausgangspunkt, um ein Bern abseits der Touristenpfade kennenzulernen.

Europaplatz statt Bärenpark

Entstanden sind die Haikus über einen Zeitraum von vier Jahren. Engler, der hauptberuflich seit 25 Jahren den von ihm gegründeten Lokwort-Verlag führt, liess sich mit dem Schreiben Zeit. Das allererste Haiku sei ihm an einem Abend auf der Marzili-Wiese kurz vor deren Saisonschliessung erschienen. «Ein tropfender Duschkopf, zwei Pommes Frites im Gras, das war so ein schönes Bild, und ein bisschen melancholisch», erzählt Engler. Er begann, die Einfälle systematischer zu sammeln, jedoch stets ohne Kalkül. «Der Zytglogge, das Bundeshaus und der Bärenpark kommen alle nicht vor, einfach weil mir an diesen Orten nichts einfiel.» Dafür ist das Ausserholligen-Quartier, wo Engler aufwuchs, gleich mehrfach vertreten.

Poetische Stadtkarte

Ein Haiku wird normalerweise nicht betitelt, aber in Englers Fall sorgen Titel wie «Europaplatz», «Naturhistorisches» oder «Camping Thörishuus» dafür, dass der Wortfächer zu einer Art poetischer Stadtkarte wird. Überhaupt sieht der Autor die Regeln der berühmten japanischen Gedichtform locker: Er habe zum Beispiel längst nicht in jedem Gedicht das obligate Jahreszeitenwort drin. «Für mich bieten Haikus viele Spielmöglichkeiten», sagt Engler, der sich bestimmt freut, wenn seine Leserschaft in Zukunft auch ab und zu auf einer alten Parkbank – oder an einem anderen unterschätzten Ort – von einem Haiku erhascht wird.

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