mitgliederwerden grey iconMitglied werden
Archiv
Wenn Livia Anne Richard durch die Stadt läuft, spürt sie, wie es den Menschen geht.© ZVG

«Berndeutsch hat viel mit Blues zu tun»

Livia Anne Richard macht seit den 90er-Jahren Theater, das begeistert. Sie hat auf dem Gurten den 
«Dällebach Kari» inszeniert und ist Mitbegründerin des Theaters Matte. Im März ist ihr erster Roman «Anna der Indianer» erschienen. Zudem übersetzt die Regisseurin und Autorin gerade Blues-Texte ins Berndeutsche und leidet ein wenig 
an Weltschmerz. «Einstein», «Dällebach Kari» oder die «Matterhorn Story» – die Berner Regisseurin Livia Anne Richard hat den richtigen Riecher dafür, was das Publikum bewegt. Dabei hält sie nichts von Brainstorming und Marketing-Tricks. Vielmehr verlässt sie sich einfach darauf, zu erkennen, wenn «eine Idee anklopft», wie sie es ausdrückt.

Von ihrem Riesenerfolg im Jahre 2006 über den lokalen Antihelden, den Coiffeur und Witzereisser Dällebach Kari war sie selbst überrascht. Das Echo war so gross, dass sie entschied, das Stück 2007 ein zweites Mal auf dem Gurten aufzuführen. Ihre Produktion von 2010 über das Jahrhundertgenie Albert Einstein lief überraschenderweise weniger gut. «Viele Leute hatten wohl Angst, es werde zu intellektuell», so Richard.

Dabei ging es in ihrem Stück eher um Einstein als Ehemann und Vater und um seine Unzulänglichkeiten im Alltag als um die Relativitätstheorie. Richard fand viel Material zu Einstein. Bei der lückenhaften Biografie des Dällebach Kari musste sie hingegen den «Fantasiegenerator anknallen».

Die Regisseurin hat viel Empathie für ihre Figuren und kann sich gut in ihre Schauspielerinnen und Schauspieler hineinversetzen. Sie glaubt, es habe mit ihrer Hypersensibilität zu tun. «Wenn ich durch die Stadt laufe, spüre ich, wie es den Menschen geht.»

Die aktuelle Weltlage macht ihr dementsprechend zu schaffen. «Es ist doch zum Verzweifeln, in einer Zeit zu leben, in der du nicht sicher bist, ob dieser Trump nun wirklich Corona hat oder ob auch das Fake News sind», so Richard.

Mit niemerem nümme z tüe ha

Im Moment hat der Blues sie auch im eigentlichen Sinn erfasst. Gemeinsam mit dem Musiker und Bluesprofessor Wale Liniger hat sie sich während des Lockdowns mit dem US-Südstaaten-Roman «Die Ballade vom traurigen Café» befasst. Die beiden haben mit ihrem Programm «Sackgass» nun bereits vier erfolgreiche Auftritte hinter sich, weitere sind geplant.

Richard hat den Südstaaten-Roman vom Englischen ins Berndeutsche übersetzt. «Berndeutsch hat viel mit Blues zu tun.» Der Blues entspreche der Berner Sprache und dem Berner Gemüt und Lebensgefühl, so Richard. «St. Galler Dialekt zum Beispiel tönt nicht wirklich nach Blues.» Aus «don’t want to see nobody» wird bei Richard «wott mit niemerem nümme z tüe ha».

Doppelverneinungen seien – vor allem früher – sowohl im Amerikanischen wie im Berndeutschen typisch gewesen für ländliche Gefilde. Richard ist das Kind einer Tochter von Bergbauern und liebt alles Ursprüngliche. Den Begriff «naturverbunden» findet sie allerdings komisch, da der Mensch doch sowieso Teil der Natur sei. Aufgewachsen ist sie in Kehrsatz. «Meine Mutter ist gläubig, mein Vater ein Atheist.» Sie selbst glaube eher an ein universelles Bewusstsein, von dem unsere Seele Teil sei.

In Richards vor Kurzem erschienenen Roman «Anna der Indianer» schreibt sie über eine Protagonistin auf Sinn- und Identitätssuche. «Ich hatte Lust, Prosa zu schreiben», so Richard. Bei Texten für das Theater müsse man immer auch die Machbarkeit, das Bühnenbild etc. im Hinterkopf haben. «In der Prosa ist man vogelfrei.» Es sei kein autobiografischer Text. Doch natürlich habe die Geschichte auch etwas mit ihr selbst zu tun.

Mädchen pfeifen nicht

Buchheldin Anna will als Vierjährige beim Spielen nicht die Squaw, sondern der Chefindianer sein und geht fortan als Winnetou durch die Welt. Als sie sich als Jugendliche verliebt, gerät sie mit ihrer Indianer-Identität in Konflikt. Auch Richard wurde als Mädchen mit Genderklischees konfrontiert.


«Meine Tessiner Grossmutter meinte, Mädchen sollten nicht pfeifen und müssten einen guten Sugo kochen können.» Leider seien wir noch nicht viel weiter. «Ich habe die Genderfragen satt. Ich kenne viele Männer, die weiblicher sind als viele Frauen, und viele Frauen, die mehr Mann sind als jeder Mann. Wir müssen aufhören, in diesen Kategorien festzu­stecken. Letztlich sind wir alle Menschen.»

Vor zehn Jahren gründete Richard gemeinsam mit Markus Maria Enggist, Annemarie Morgenegg, Fredi Stettler und Hank Shizzoe das Theater Matte, das sich auf berndeutsche Stücke spezialisiert hat. 2016 gab Richard die künstlerische Leitung ab. Sie seien damals zu diesem Theater wie die Jungfrau zum Kind gekommen. Als sie und Markus Maria Enggist von einem leerstehenden Haus in der Matte hörten, seien sie hellhörig geworden. Zwei Wochen später hätten sie den Vertrag unterschrieben und sich gefragt: «Was machen wir jetzt?».

Ein Fisch im Wasser

Sie sei schon immer so durchs Leben gegangen, erklärt Richard. «Ich überrasche mich gerne selbst.» In jungen Jahren hatte sie in die USA auswandern wollen. Doch der Telefonanruf des Schauspielers Franz Matter (1931–1999) hielt sie auf. «Er hatte erfahren, dass er todkrank war und wollte, dass ich seine laufende Inszenierung übernehme.» Als Regisseurin fühlte sich Richard sofort wie ein Fisch im Wasser.

«Es hat mich mehr gefordert als die Schauspielerei.» Doch natürlich gebe es auch Rollen, an die sie sich gerne erinnere, etwa als sie im Stück «Zimmer frei» von Markus Köbeli einen im Sarg schlafenden Grufti gespielt habe. Während eines Studentenaustauschjahres in den USA lernte sie an der dortigen Highschool, selbst Stücke zu schreiben. «Ich schrieb ein Einpersonenstück über Einsamkeit, in dem ich als dickes Mädchen, als alter Mann und als behinderter Mensch auftrat.»

Die Lehrerin sei kalt wie Eis gewesen, habe aber nach ihrem Auftritt Tränen in den Augen gehabt. Richards aktuelles Stück musste coronabedingt auf den nächsten Sommer verschoben werden. «ALTER! Experiment Generationenhaus» ist als Pamphlet zu verstehen. «Wir sollten aufhören, uns für unser Alter zu schämen, sondern dankbar sein. Altwerden und Faltenhaben ist der Beweis dafür, dass man das Glück hat, nicht vorzeitig gestorben zu sein.»

Bezüglich der jungen Generation ist die Mutter eines siebzehnjährigen Sohnes hoffnungsvoll. «Die haben zwar die halbe Kindheit vor dem Computer verbracht. Viele von ihnen sind aber so kreativ und politisch wie noch nie.»

Anmeldung Newsletter

Wetter in Bern

laden