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Autor Arno Camenisch.© Janosch Abel

Blick zurück ins Weite

Von einem jungen Mann, der in die Welt hinausgehen musste und sich nie mehr so frei fühlen sollte: Der neue Roman «Die Welt» von Arno Camenisch ist persönlich, melancholisch und vor allem spontan.

Januar dieses Jahres. Der 44-jährige Erzähler steht auf der Terrasse seiner Wohnung, trinkt Kaffee und schaut auf den See hinaus. Und denkt zurück an das Jahr 2003, in dem sich alles änderte. Wobei diese grosse Veränderung anscheinend zwei Jahre früher begann, als es den Erzähler als 23-Jährigen in die Welt hinauszog.

In «Die Welt» von Arno Camenisch öffnet sich der Ich-Erzähler in einer Art Rückschau. Zum einen durch die Szenen selbst, die er beschreibt. Wie etwa die sehr klaren Haltungen zum Militär, Beschreibungen intimer Sexszenen mit verschiedenen Frauen sowie vulnerabler Momente mit der Mutter. Zum anderen durch die eingesetzte Sprache. Es sind klare und verständliche Schilderungen, gespickt mit längeren Gedankengängen. Und immer wieder greift er vor auf das, was noch kommen wird: «Man weiß noch ganz genau, wo man war, als man eine Entscheidung traf, von der man weiß, dass sie dein Leben in eine andere Richtung lenkte. Zwei Jahre später sollte ich mich in La Paz wiederfinden, das war einer dieser Momente. Aber dazu später.»

Fast eine Weltreise

Der Weg nach La Paz ist geprägt von Bauchentscheiden: «Ich entschied alles schnell und aus dem Gefühl heraus. Ich vertraute auf den inneren Kompass.» Da sein Geld in San Francisco nur für wenige Monate gereicht hätte, fliegt er als erstes nach Australien. Es ist fast eine Weltreise, die der Erzähler in seinen 20ern macht. Nach Australien zieht es ihn nach Südamerika, wo er bleibt, bis er pleite ist. Fertig ist die Geschichte und die Reise in Camenischs dreizehntem Buch damit nicht.

«Die Welt» ist nicht nur wegen der vielen Erzählungen und Einschüben aus dem Jahr 2022 und den nur 137 Seiten kurzweilig, sondern auch, weil der Erzähler immer wieder in ein «Du» oder «Man» rutscht. Er scheint in einen Dialog mit sich selbst zu treten. Gleichzeitig stellt dieser «Plauderton» auch eine Nähe zur Leserin her: «…  ich schaute in den Sternenhimmel hoch und überlegte mir, wo ich nun wäre, wäre ich nach San Francisco gereist. Das Leben wäre ganz ein anderes geworden, du hättest andere Leute getroffen, du wärst andere Wege ge­gangen, und vielleicht wäre man hängengeblieben  …»

Kein Midlife-Crisis-Roman

Man könnte befürchten, im Buch blicke ein Mann in seiner Midlife-Crisis melancholisch auf sein junges, glück­licheres Ich. Tatsächlich gibt es Pas­sagen, die geprägt sind von einem nostalgischen Ton, wie man ihn von Camenischs Dorfromanen «Ustrinkata» oder «Der letzte Schnee» kennt. Viel stärker aber wiegt die Zufriedenheit, die der 44-Jährige, Weitgereiste ausstrahlt, und eine Stimmung von Fernweh.

«Die Welt» von Arno Camenisch erscheint am Mi., 27.7., beim Diogenes Verlag.

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