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Lässt Bücher im Buch kunstvoll verbrennen: Vladimir Sorokin stellt «Manaraga» vor.© Maria Sorokina
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Bücher-Briketts und neue Idioten

Bücher sind, anders als Worte von Idioten, nicht Schall und Rauch – das 8. Berner Literaturfest präsentiert Lesungen und Diskussionen mit über 40 Berner, Schweizer und internationalen Autorinnen und Autoren.
Literatur wurde und wird immer wie-der zensiert oder gar verbrannt. Ein Motiv, das die Literatur weiterspinnt. In «Fahrenheit 451», einem dystopischen Roman von Ray Bradbury von 1953 beispielsweise, spürt die Feuerwehr illegal gehortete Bücher und Bibliotheken auf, um sie zu verbrennen. Den russischen Autor Vladimir Sorokin hat das Motiv des brennbaren Buches ebenfalls inspiriert. In seinen neuen Roman «Mana­raga. Tagebuch eines Meisterkochs», den er am Berner Literaturfest vorstellt, werden Bücher von illegalen «Book-’n’-Grill-Köchen» als High-End-Briketts für teure Dîners verwendet.

 

Schnitzel über Schnitzler

Sorokins satirisch-absurdes Buch fusst auf seiner eigenen Erfahrung. In Russland gilt der seit den 70er-Jahren publizierende Autor als systemkritisch, was junge Nationalisten veranlasste, seine Bücher erst in einer extra aufgestellten Toilette öffentlich zu versenken und sie später zu verbrennen. In «Manaraga» aber erfindet Sorokin ein Nachkriegseuropa in der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts, in dem ausser schlecht brennenden Banknoten kein Papier mehr bedruckt wird. Koch Geza ist Teil der «gastronomischen Untergrundgemeinschaft» und brutzelt Fleisch über von ihm gelesenen Klassikern: «Allzeit das rechte Buch in den Flammen» ist sein Motto, oder: Schnitzel über Schnitzler, Schaschlik über dem «Idioten» von Dostojewski.

Ein neuer Typus Idiot

Der deutsch-bosnische Autor Zoran Terzi´c stellt – im Gespräch mit Lite­raturkritiker und Übersetzer Stefan Zweifel – sein Buch «Idiocracy. Denken und Handeln im Zeitalter des Idioten» vor. In dieser «Tour d’Idiot» definiert er den «neuen Idioten», der sich vom naiven, aber gutmütigen «Uridioten» Dostojewskis unterscheidet. Dieser neue Typus, versinnbildlicht von Trump, handelt wörtlich, zeigt einen Willen zum Absurden und behauptet These und Antithese in einem Argument, ohne einen Widerspruch zu erkennen. Auch ist ihm die Unterscheidung zwischen Wahrheit und Lüge unklar.

In Gassen und an Bächen

Das Literaturfest hat über 40 Autorinnen und Autoren eingeladen, in den Gassen der Altstadt und den umliegenden Gemeinden vorzulesen. Auch bietet das Fest Gesprächsreihen, einen von HKB-Studierenden begleiteten musikalisch-literarischen Auftakt zu Vivaldi und eine Soiree mit der deutschen Schauspielerin Angela Winkler, die aus ihren autobiografischen Skizzen liest. Zum ersten Mal findet zudem ein Abend mit dem Magazin «Reportagen» statt, im Kunst- und Kulturhaus Visavis werden Kinderbücher vor­gestellt, im Robert Walser-Zentrum gastiert die deutsche Autorin Judith Hermann und der Berner Autor Martin Bieri («Henzi Sulgenbach») nimmt mit auf eine «Begehung eines unsichtbaren Bachs».

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