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Giuliano Musio bevölkert seinem zweiten Roman «Wirbellos» mit ebendiesen: Insekten. © Anders Stoos
Cafe Kairo, Bern

Die Wahrheit verlernen

In seinem zweiten Roman «Wirbellos» verlegt der Berner Autor Giuliano Musio die Bundeshauptstadt direkt ans Mittelmeer und rückt Lebenslügen ins Zentrum.

Martin Schwammer ist keineswegs ein sympathischer Protagonist, aber derart einsam und gnadenlos in seinem Selbsthass, dass man ihm gebannt dabei zuschaut, wie er durch sein Leben watet. Der Hauptcharakter in Giuliano Musios neuem Roman «Wirbellos» wird bereits früh von einer inneren Dunkelheit gequält und sticht als Kind im provinziellen Bleienbach damit heraus, dass er nicht lügen kann. Fast wie in einem rückwärts erzählten Bildungsroman lernt Martin schliesslich als Jugendlicher die Kunst der Täuschung. Eine zweite Zeitebene in «Wirbellos» beschreibt, wie der nun 25-jährige Martin in Bern die ältere und ebenso einsame Valerie verführt. Wieso gerade sie? Mit viel Sorgfalt entrollt Musio das Geheimnis, welches seine Geschichte in eine neue Richtung katapultiert. Kafkaeske Eindrücke von wirbellosen Tieren – allen voran Insekten – kriechen und gleiten durch das gesamte Buch.

 

Gespräche mit dem Insektenforscher

Wie in Musios erstem Roman «Scheinwerfen» (2015) spielt die Handlung geografisch in Bern und Umgebung, und zeigt gleichzeitig, dass Geografie einem Schriftsteller herzlich egal sein kann. Rubigen wird in «Wirbellos» kurzerhand zum Küstenvorort, und das Kirchenfeldquartier wandelt sich zu einer Insel mitsamt Leuchtturm. Sein zweiter Roman, so Musio, sei «ruhiger, klarer und vermutlich auch persönlicher» als der erste. Zudem fiel es dem Autor dieses Mal leichter, für das Buch zu recherchieren: «Mit einer ersten Veröffentlichung und einem Stipendium im Rücken traute ich mich viel eher, bei Fremden anzuklopfen und sie um Auskunft zu bitten.» Ein Faible für Insekten brachte der Autor bereits mit, Gespräche mit einem Entomologen lieferten dazu später noch die literarischen Details, die den Text nun lebendig machen. Angesichts der Tatsache, dass zurzeit kaum eine andere Spezies auf der Welt so rasant ausstirbt wie die Insekten, könnte man Musios Roman natürlich auch als Kommentar zur Globalen Erwärmung interpretieren. Aber letztendlich enthüllt «Wirbellos» vor allem die menschliche Natur, mit all ihren bedrohlichen Impulsen.

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