mitgliederwerden grey iconMitglied werden
Archiv
Die begehbare Robert Walser-Sculpture als gesellschaftlicher Mikrokosmos auf dem Bahnhofplatz Biel, 2019. © Enrique Muñoz García
Café Brésil, Biel

Ein Monumentalband zur monumentalen Skulptur

Vor einem Jahr kreierte Thomas Hirschhorn «mit Bielerinnen, Bielern und anderen» die Robert Walser-Sculpture. Nun ist ein Dokumentationsband fast so monumental wie die Skulptur selbst bei Hatje Cantz erschienen.

Mit «Geschwister Tanner» (1907) in französischer Übersetzung begann Thomas Hirschhorns «plötzliche, egoistische und entschiedene Liebe» zum Autor Robert Walser. «Ich liebe seine Arbeit, die das Werk des existenziellen Verloren-Seins und der existenziellen Unsicherheit ist.» Hirschhorns Faszination für den Autor hat, zusammen mit der Anfrage Kathleen Bühlers, Kuratorin des Kunstmuseums Bern und der 13. Ausgabe der Schweizerischen Plastikausstellungen in Biel (SPA), den Anstoss gegeben, Walsers Geburtsstadt Biel mit einer vergänglichen, monumentalen und benutzbaren Skulptur zu bebauen. Eine Skulptur, die der SPA-Stiftungsratspräsident als «Wahnsinn. Und auch ein Wunder» bezeichnet, das «alle Regeln der Form, des Konformismus und der Bürokratie» übergangen habe.

Die Dimension des Unterfangens

Nun ist ein Dokumentationsband erschienen, dessen gut 800-seitige Monumentalität deutlich macht, was ein solches Projekt an Arbeit, Ideologie, Fantasie und Wille einfordert. Der Band dokumentiert die bewegte Entstehungsgeschichte mit Konzepten, Plänen, Einsprachen, dem Projekt-Verschieben um ein Jahr, Finanzierungsproblemen, Grabenkämpfen, Aufbrüchen und Fieldworks (unzähligen Gesprächen vor Ort) genauso wie die Umsetzung und die künstlerische Erzeugnisse. Anhand von Interviews, tagebuchartigen Notizen Hirschhorns, unzähligen Fotos, von Hand gezeichneten Plänen, Flyern und organisatorischen Unterlagen wird die Dimension des Unterfangens immer deutlicher. Auch das Robert Walser-Zentrum Bern hat eine Publikation zum Projekt herausgegeben, die später vorgestellt wird.

Randständige miteinbeziehen

Ab Mitte 2016 plante und im Frühjahr 2019 erbaute Hirschhorn mit 17 Bielerinnen und Bielern aus Euro­Paletten und dem für ihn so typischen braunen Paketklebeband die Sculpture auf dem Bahnhofsplatz Biel, den täglich 35 000 Personen passieren. Sie war während 86 Tagen im Sommer 12 Stunden täglich gratis erfahrbar – auf dieses Monument musste man sich einlassen, sich in ihm treiben lassen. Sie war Arbeitsraum, Cafeteria, Erholungsstätte, Galerie, Theatertribüne, Treffpunkt, Zitatwand, Bibliothek, Raum für wissenschaftliche Vorträge, Sprachkurse und Kinderprogramm. Hirschhorn nannte diese Arbeit im öffentlichen Raum sein «Präsenz- und Produktionsprojekt», ganz klar auch mit dem Anspruch, Randständige einzubeziehen, sowie ein «nicht bereits kunstinteressiertes Publikum» anzuziehen und Aufeinandertreffen zu provozieren. Die Sculpture war eine Art Kooperationsprojekt mit unzähligen Verbänden und Vereinigungen aus Biel: vom SAC über den Alkoholiker-Treff, die Gassenküche, die UNIA oder Studierenden des Literaturinstituts Biels. Das Motto der Sculpture lautete denn auch: «Be a Hero! Be an Outsider! Be Robert Walser!»

Café Brésil, Biel
Do., 2.7., 18 Uhr
www.robertwalser.ch
«Rober Walser-Sculpture»
2020 Hatje Cantz Verlag
www.hatjecantz.de

 

Anmeldung Newsletter

Wetter in Bern

laden