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Franziska Burkhardt: «Werden die Leute wieder an Veranstaltungen kommen?»© Caroline Marti

«Es ist wichtig, weiter zu fördern und weiter zu unterstützen»

Es ist unklar, wie und wann der Kulturbetrieb weitergehen kann. Franziska Burkhardt, seit Februar 2019 Kulturbeauftragte Kultur Stadt Bern, gibt im Interview mit der BKA Auskunft über Chancen, Verluste und Prognosen, die die Coronakrise für die Kultur bringt – und wie die Abteilung Kultur mit Kulturgeldern umgeht.

Am 20. März hat das Bundesamt für Kultur (BAK) spezielle Nothilfemassnahmen für Kulturunternehmen und -schaffende definiert. Was halten Sie von diesen Massnahmen?
Dieses kulturspezifische Paket ist ein wichtiges Zeichen. Es zeigt grosse Wertschätzung gegenüber dem Kulturschaffen, das wird vonseiten der Kultur auch so wahrgenommen. Die schnelle Reaktion des BAK und der Kantone hat mich beeindruckt. Für Kulturschaffende und -unternehmen sind sie wichtige Hilfsanker. Die Wirkung wird von der Umsetzung abhängen. Und auch davon, wie sich die Situation weiterentwickelt.

Verfügt die Kultur also über starke Verbände und eine gute Lobby?
Teilweise. Es war ein wichtiges Zeichen des BAK, gleich zu Beginn den Dachverband Suisse Culture einzubeziehen. Damit wurde vorhandenes Fachwissen und die Kompetenz der Betroffenen miteinbezogen.

Die Kantone sind die Anlaufstellen für die finanziellen Fragen. Was war in der Abteilung Kultur Stadt Bern los seit dem Veranstaltungsverbot?
Wir haben sehr viele Telefonanrufe erhalten. Es ist klar, dass wir für die meisten die primäre Anlaufstelle sind. Die Unsicherheit, wie, wann und ob es weitergeht, war und ist gross. Und das Bedürfnis, die Arbeiten dennoch zeigen zu wollen, ebenfalls. Gleichzeitig haben wir entschieden, wie wir mit den Unterstützungsbeiträgen umgehen und wie wir dabei helfen können, die Liquidität im Kulturbereich sicherzustellen. Und wie alle warteten wir auf neue Deadlines und Entscheide des Bundesrats.

Das heisst, die Stadt bezahlt schon gesprochene Fördergelder und Projektbeiträge an ein fertiges Projekt, dessen Aufführung nun entfällt oder verschoben wird?
Genau, wir zahlen weiterhin aus, auch wenn abgesagt wurde. Schliesslich ist die Arbeit gemacht, die Produktion wäre bereit. Was wir verlangen, sind der Situation angepasste Abrechnungen. Sollten also Gelder nicht gebraucht worden sein, würden wir die zurückfordern.

Und wie geht es weiter? Werden die städtischen Kommissionen auch Geld an neue Projekte vergeben?
Die Kommissionen tagen wie gewohnt, einfach digital. Die reguläre Eingabe ist möglich. Es ist wichtig, aktuelle Projektideen zu fördern und weiter zu unterstützen, das ist unser Beitrag zur Existenzsicherung. Die Kulturschaffenden haben jetzt Zeit für Produktionsarbeit. Bei neuen Eingaben ist für uns aber wichtig, dass Überlegungen dazu gemacht werden, wie das Projekt unter Einhaltung der geltenden Pandemiebestimmungen durchgeführt werden kann.

Angenommen, ein Veranstalter hat im vierjährigen Leistungsvertrag die Auflage, 200 Konzerte zu veranstalten. Wegen Corona entfallen aber 40. Muss dann der Leistungsvertrag neu ausgehandelt werden?
Diese Frage war in allen Gesprächen zentral. Der Gemeinderat hat entschieden, die Subventionen ungekürzt weiter auszuzahlen, auch als Zeichen der Wertschätzung. Wir wollen Notkredite verhindern, erwarten aber von den Institutionen Schadensverminderung, angepasste Budgets und flankierende Massnahmen wie Kurzarbeit. Das klappt gut. Auch bei den Leistungsverträgen gilt: Was Ende Jahr nicht gebraucht wurde, wird zurückerstattet. Neu ausgehandelt wird also nicht. Meistens stehen in den Leistungsverträgen durchschnittliche Auflagen, das heisst, dass die Leistungen im Durchschnitt über vier Jahre erbracht werden müssen. Und natürlich können auch neue Formate ausprobiert werden, um die Auflagen ganz oder teilweise zu erfüllen.

Und was läuft in der Laienkultur?
Dort werden die Zahlungen vor allem über die Verbände abgewickelt. Wir fördern im Bereich der Laienorchester und -chöre die beteiligten Professionellen wie Dirigentinnen oder Solisten.

Läuft das mit den verschobenen Veranstaltungen und gleichzeitiger Förderung auf ein Flaschenhalsproblem hinaus?
Ich gehe davon aus, dass im Herbst das stattfindet, was schon jetzt geplant ist. Die meisten Veranstaltenden haben ihre Herbstsaison längst programmiert. Das macht das Verschieben nicht einfacher. Es ist aber wünschenswert, dass bereits Produziertes auch präsentiert werden kann.

Wie lautet Ihre Prognose: Stehen wir nach der Krise vor einer veränderten (Berner) Kulturszene? Werden Kulturschaffende aufgeben? Gibt es neue Kunstgattungen?
Das ist leider sehr gut möglich, dass sich einige nicht halten können. Die Kultur ist genauso betroffen wie alle anderen Branchen. Dazu kommt: Je länger die Krise dauert, desto mehr wird sich auch unser gesellschaftliches Verhalten ändern. Werden die Leute wieder an Veranstaltungen kommen, legt sich die Angst vor Nähe? Die aktuelle Situation wird sicher zu neuen Produktionsrealitäten führen und neue Präsentationsformen hervorbringen.

Bietet die Krise auch Chancen für die Kultur?
Wenn man eine Chance sucht, dann vielleicht die, dass jetzt forcierte Ruhe herrscht. Kunstschaffende müssen weniger atemlos herumrennen, Nebenjobs mit Familie und Kunst vereinbaren. Das kann vielleicht der Moment sein, die künstlerische Praxis zu hinterfragen, neue Ideen zu suchen oder durchzuatmen.

Existenzangst hilft aber nur bedingt für befreites Durchatmen …
… das ist klar. Die Krise zeigt einmal mehr, dass das Thema soziale Sicherheit von Kulturschaffenden eine grosse Baustelle ist. Es fehlen weitgehend verbindliche Richtlinien zur Abgeltung der Arbeit und zur sozialen Sicherheit. Ich hoffe sehr, dass die aktuelle Situation zur Sensibilisierung aller Arbeitnehmenden, Arbeitgebenden und Förderstellen beiträgt. Kulturschaffende, Verbände, Institutionen und die öffentliche Hand müssen zügig zusammen solche Richtlinien erstellen.

Entscheide zum Versammlungsverbot werden erst am 27. Mai getroffen, vor dem 8. Juni verändert sich in der Kultur nichts. Was halten Sie von diesem Vorgehen?
Ich habe eigentlich grösstes Verständnis. Es war zu erwarten, dass keine falschen Versprechen gemacht und die Situation lieber beobachtet werden will. Dennoch habe ich mir eine klare Ansage erhofft. Die Kulturinstitutionen waren die ersten und sind die letzten, die normal funktionieren werden. Wenn Museen und Bibliotheken im Mai öffnen können, heisst das vorerst nur, dass das Versammlungsverbot von maximal fünf Personen gelockert und auf eine höhere Anzahl erweitert wird.

Ein Verbot wäre einfacher?
Für die Veranstalter: ja. Im Grunde rechnet niemand mehr damit, dass die grossen Sommerfestivals stattfinden können. Aber den Veranstaltenden fehlt die Rechtssicherheit. Nur mit einem behördlichen Verbot kann höhere Gewalt sicher geltend gemacht werden.

Nach dem Gurtenfestival steht das Buskers auf der Kippe. Müssen wir mit einem ruhigen Sommer und einem hektischen Herbst rechnen?
Von einem ruhigen Sommer gehe ich aus, ja.

Für welche Ausstiegsszenarien setzen Sie sich ein und warum?
Da verlasse ich mich auf die Spezialisten. Meiner Ansicht nach gibt es schon genug neue Virologen und Virologinnen.

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