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Schreibt schon den Brief Nr. 2 der Inselpost: Vera Urweider.© Thomas Kromer

Inselpost 2

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 20.4.2020

Liebe Simonetta, Alain und Daniel, lieber Dennis, Konrad und Ädu, liebe Graziella und David,

ich hatte gerade meinen ersten Insel-Brief in die Heimat geschickt, erzählte von bescheidenen elf positiven Corona-Fällen, verteilt auf drei Inseln, aber nicht auf unserer, nicht auf Sal. Vor fünf Tagen war das. Und dann, nachmittags, ich kam gerade mit fangfrischem Fisch nach Hause: 45 neue Fälle. Einfach so. Aus dem Nichts. Wir glaubten unseren Augen nicht. Wir dachten, das sei ein Zählfehler. Testfehler. Verständnisfehler. Schreibfehler.

Es sollte kein Fehler bleiben.

Alle neuen Fälle waren auf unserer Nachbarinsel Boa Vista. Bis dies herausgefunden war, fiel ich in diese Verkrampfung zurück, die ich vor etwa einem Monat, ganz zu Beginn meiner plötzlichen Insel-Verlängerung, hatte. Der Klumpen im Bauch. Der Kloss im Hals. Die Falten auf der Stirn. All diese klischierten Beschreibungen des Unbehagens, sie waren plötzlich wieder da. Unsicherheit. Taubheit vielleicht. Irgendwie Schwindel auch. So viele Fälle, da muss doch jetzt auch einer bei uns aufgetaucht sein. Das kann doch gar nicht sein, dass die touristischste aller kapverdischen Inseln immer noch verschont blieb.
Doch genau so war es. Und ist es auch heute noch.

Ich hoffe, dass ich das nicht im nächsten Brief schon wieder korrigieren muss. Für heute soll die aktuelle Situation reichen: 61 Fälle, 3 Inseln.

Ich lese täglich die kapverdischen Zeitungen, folge allen möglichen Newsportalen in den sozialen Medien und schaue jeden Abend das «Jornal da Noite». Der positive Nebeneffekt: Ich lerne gratis Portugiesisch.
Es geht gar nicht anders. Ich will und muss verstehen, was hier geschieht und politisch entschieden wird. Und wenn es mich braucht, werde ich helfen. Ich habe mich als Voluntária auf eine Liste setzen lassen. Schliesslich bin ich Gast in diesem Land, ein Land, das mich mit offenen Armen empfangen hat und mich, zumindest momentan, nicht mehr loslässt. Morabeza. Gastfreundschaft. Das jedoch ist Kreolisch. Nicht Portugiesisch.

Während also die einen von euch sofort nachfragten, was da jetzt auf einmal los sei, die anderen schon zu Beginn meinten, dieses Gestrandetsein würde wohl ein langes Weilchen werden und die dritten die langsame Lockerung in der Schweiz erklärten, hörte ich hier im kapverdischen Radio dem Präsidenten Jorge Carlos Fonseca zu.

Er verlängert unseren Ausnahmezustand. Und ich bin froh darum. Die Insolation bleibt.
Die Politik hier ist klar und strikt. Aber auch schützend und stützend. Mietreduktion. Essen für Arme. Schlafplatz für Obdachlose. Alles ruckzuck organisiert. Die Inseln mit positiven Fällen haben absolute Ausgangssperre. Bei uns ist es semi-obligatorio, wie mir der Velomech unter meinem Balkon schon Ende März bestätigte. Wer einen Grund hat, kann raus. Und Santa Maria findet immer einen Grund. Fischer fischen, Strandspazierer strandspazieren, Sonnenanbeter beten die Sonne an, Hundehalter halten Hunde, an der Leine, lassen sich ziehen, nach draussen, ins Freie und weiter.

Doch wer aus Europa und Übersee repatriiert wurde, Ende März, musste in ein extra dafür vorbereitetes Hotel. Zwei Wochen unter Beobachtung. Es mag krass erscheinen. Zwangsquarantäne. Dafür konnte draussen das Leben normal weitergehen.

Manchmal, je nach Wetterlage, erspähe ich Boa Vista, keine 60 Kilometer entfernt. Eine Insel unter Quarantäne, Essensrationen in Plastiktüten, Militärpatrouille. Ich denke an Freunde, die zu Hause sitzen. Während wir hier Virus-frei sind. Sagt man. Glaubt man. Glaubt man gerne.

Liebe Grüsse von der Insel

Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie, anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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