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Vera Urweider schreibt in ihrem Brief von der Insel über Erinnerungen an Christoph.© Thomas Kromer

Inselpost 10

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 15.6.2020

Lieber Christoph,

Es ist etwas mehr als sieben Jahre her, als wir uns das erste Mal begegneten. Ich kann mich noch gut daran erinnern, im Fahrstuhl, hoch zu den Schulräumen der Henri-Nannen-Schule in Hamburg, erster Schultag. Ich war ziemlich nervös damals, versuchte es zu verbergen, man will ja seriös daherkommen. Du hingegen, gross, mit Bart und dunklen Augen, schienst ruhig und gelassen genau zu wissen, was jetzt kommt.

Während der ganzen Schulzeit bliebst Du ein wenig mein «Du hingegen». Ich war damals 26, kam frisch aus dem Praktikum einer Schweizer Regionalzeitung, hatte keine Ahnung, wie Journalismus in Deutschland funktioniert, geschweige denn wie er in den internationalen Titeln wie «Zeit», «Stern» oder «Spiegel» anzugehen war, welche Themen relevant sein könnten, Titel, die eng mit der Nannen-Schule verbunden sind. Da waren Dozenten, die vorausgesetzt hatten, dass man Deutschland bis ins kleinste politische Detail kannte, private Storys eines jeden Rap-, Schlager- oder Comedystars wusste. Ah, und Fussball, Himmel, spätestens da war ich verloren.

Du hingegen wusstest genau, auf was Du Dich eingelassen hattest. Du wusstest früh, dass politischer Journalismus Dein Berufsziel sein wird. Du studiertest Islamwissenschaften, und noch während des Studiums gründetest Du mit zwei Studienkollegen den mittlerweile wichtigen Blog Alsharq, um unabhängig über den Nahen Osten schreiben zu können. Du warst damals bereits Volontär beim Spiegel, wo Du nach der Ausbildung nahtlos als Redakteur übernommen wurdest. Erstaunt hat Dein Werdegang keinen von uns.

Meistens warst Du still. Jedoch nie abwesend. Manchmal, vor allem zu Beginn, verstand ich Dich kaum, Du berlinertest leise und schnell in Deinen Bart. Ich schaute Dich dann jeweils an, fragend, Du schieltest zurück und lächeltest. Der eine Mundwinkel immer etwas höher gezogen als der andere. Oft wusstest Du die Antwort bereits, noch bevor die Frage zu Ende war. Im Schulraum wie auch beim Pubquiz – oh was haben wir abgeräumt! Doch wartetest Du. Drängtest Dich nie auf. Liessest uns anderen Raum. Ich fühlte mich nie schlecht dabei und ich bin überzeugt, dass die anderen, falls sie diese Zeilen lesen, sich auch nicht übergangen fühlten. Du warst klug. Du warst zurückhaltend. Du warst unterstützend. Du warst unglaublich witzig. Trocken-witzig. Ein Spruch, so aus dem Nichts. Und Du warst schlicht und einfach schon mittendrin in diesem Beruf «Journalismus», wo wir anderen, die meisten, noch daran geschnuppert hatten und einige schon wieder rausgepurzelt sind.

Und nun sitze ich auf dieser Insel und schreibe Dir diesen Brief aus der Ferne in die noch weitere Ferne, den Du, wenn wir an das Endliche unseres physischen Daseins glauben, wohl nie lesen wirst. Du bist nicht mehr. Du bist gegangen aus diesem Leben. Freiwillig, hiess es. Aber wie freiwillig ist ein freiwilliger Tod denn wirklich? Was hier bleibt, sind die Erinnerungen. Die Fotos von damals, die ich die vergangenen Tage durchgegangen bin. Viele Gedanken im Kopf, warum jetzt, warum überhaupt. Hat es mit der langen Isolation zu tun? Damit, was nun vielleicht auf die Gesellschaft zukommen wird? Das Ungewisse?

Ein kaltes Fieber hat mich erwischt, ich liege im Bett während ich Dir schreibe. Ich glaube, mich hat die Nachricht Deines Todes noch viel mehr berührt als ich im ersten Moment wahrnahm. Oder zuliess. Ich glaube, auch wenn wir uns in letzter Zeit nicht mehr so oft gesehen, gehört oder gelesen haben, es fehlt etwas, da Du nicht mehr bist. Und gleichzeitig bleibt ganz viel.

Liebe Grüsse von der Insel

Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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