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Sendet Geburtstagsgrüsse und Beobachtungen über das Schneiderbusiness auf den Kapverdischen: Vera Urweider.© Thomas Kromer

Inselpost 11

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 22.6.2020

Lieber Valentin, lieber Raphi,

ich hab hier auf meiner Insel total das Zeitgefühl verloren. Nicht nur, muss ich mir ständig überlegen welcher Tag vielleicht sein könnte oder wie lange ich nun schon da bin – es sind jetzt genau drei Monate und eine Woche –, nein, ich hatte auch kurzzeitig das Gefühl, dass du, Valentin, morgen schon sechs Jahre alt wirst. Ich hab dich um ein Jahr älter gedacht. Einfach so. Ich, die doch eigentlich so genau weiss, wann meine drei Neffen Geburtstag haben oder gar, was eure Namen bedeuten. Hier bin ich anscheinend gleichzeitig so isoliert auf den 30-mal 12 Kilometern, wie losgelöst von jedem zeitlichen Empfinden. Irgendwie ganz kapverdisch, glaub ich.

Wenn ich also, nun wieder ganz europäisch, die Zeitrechnung rückwärts mache, wird mir klar, dass ich bereits vor mehr als drei Monaten, damals, als ich noch auf der Nachbarinsel Boa Vista war, dein Geburtstagsgeschenk machen liess. Damals wusst ich auch noch, wie alt du werden würdest. Ich sagte nämlich der Schneiderin, sie solle sich einen Fünfjährigen vorstellen. In der Hoffnung, es passe dann. Sie hatte richtig Freude, als ich ihr ein Bild von dir zeigte und wir dann gemeinsam den Stoff ausgesucht hatten. Aber mehr verrate ich jetzt nicht, in der Hoffnung, wenn wir uns dann endlich wieder sehen, dir das «Füreinenfünfjährigen» noch passt. Momentan liegt es noch in der Tasche bei Anita und Emanuel auf Boa Vista. Ich hatte vor, als klar wurde, dass ich nicht mehr von Sal auf die Kanarischen und mit Schiff, Bus und Zug über Spanien und Frankreich nach Hause komme, meine Rückreise von da aus direkt in die Schweiz anzutreten. Aber auch das kam ja ganz anders.

In der Tasche liegt auch noch ein Kleid, das hatte ich auf meiner ersten Insel Santiago machen lassen. Hier auf Sal ist noch eine kurze Hose dazugekommen. Es ist faszinierend, wie schnell und perfekt die Schneiderinnen und Näher hier arbeiten. Zappzarrapp nehmen sie die Masse und schwuppdiwupp ist es fertig und sitzt. In den meisten Fällen ohne weitere Anpassung.

Übrigens bemerkte ich einen lustigen Zufall. Auf Boa Vista, in der Inselhauptstadt Sal Rei, sitzen die Schneiderinnen – alles Frauen – in Holzhütten, eine neben der anderen. Auf Sal, hier in Santa Maria, sitzen die Schneider – alles Männer – in ihren kleinen Läden, im Erdgeschoss von Wohnhäusern, im ganzen Ort verteilt. Ich weiss nicht woran das liegt, dass ich auf Sal keine einzige Schneiderin gesehen habe. Und umgekehrt auf Boa Vista keinen einzigen Schneider. Was sie wohl, zumindest die meisten, gemeinsam haben: Es sind alles keine Kapverdianer. Sie stammen aus Senegal oder Guinea-Bissau. Ausser, so glaube ich mich zu erinnern, die Schneiderin in Tarrafal, Santiago, das war eine Kapverdianerin. Diese übrigens, hatte ihren Nähstand direkt integriert im wuseligen Markt. Also nochmals anders als Holzhütte an Holzhütte oder im Erdgeschoss von Wohnhäusern. So sind sie eben alle verschieden, die kapverdischen Inseln. Auch bei der Schneiderstradition.

Aber das interessiert dich ja wohl alles gar nicht so sehr, welcher Schneider nun woher kommt und wo er arbeitet. Viel wichtiger für dich ist bestimmt, was es morgen alles gibt zu deinem Geburtstag. Und wer da sein wird. Wirst du, Raphi, den Grillmeister geben im Garten? Machst du dann auch ein Bild vom Essen für Deine #poetrykitchen-Reihe auf Instagram? Die mag ich ja sehr! Und erinnert mich doch tatsächlich immer mal wieder auch an Vaters Küche. Ich muss dann jeweils schmunzeln, wenn mal wieder Pulpo gegrillt wurde oder eine Puttanesca und Linguine im Topf zum Verzehr warten. Vielleicht magst Du ja dann auch in einem ruhigen Moment Valentin diesen Brief vorlesen. Oder an einem anderen Tag. Das würde mich freuen. Lionel darf natürlich auch zuhören (hört er zu? Sibill meinte, er plaudert mittlerweile wie ein Wasserfall) und sich vielleicht etwas zu seinem Geburtstag wünschen. Im Dezember. Dann werd ich wohl auch anwesend sein.

Liebe Grüsse von der Insel, auch an Ntando,

Schwestertante Vera

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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