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Schreibt von Sal und seinen Musiklegenden: Vera Urweider.© Thomas Kromer

Inselpost 12

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 29.6.2020

 Lieber Alex,

ich bin noch etwas müde, da Roni die halbe Nacht bei mir auf der Terrasse sass. Ja, Alex, ich kenne Roni und die anderen Jungs. Aber wir, wir kennen uns nicht. Sind uns nie begegnet. Doch sind wir ganz bestimmt schon auf denselben Wegen gegangen, an denselben Orten gestanden, haben dieselben Sachen gesehen. Seit etwa zwei Jahren lebst Du ja in der Schweiz, in Montreux. In unserer Stadt der Musik quasi. Viel passender könnte es ja gar nicht sein. Du, der hier zusammen mit Roni, alias Vadis Crazy, so etwas wie, sagen wir, Helden seid. Helden der neueren kapverdischen Musik, Musik aus Santa Maria.

Während Du also in Montreux weilst, da wo Freddie Mercury für immer und ewig am Seeufer steht, lerne ich hier Deine Heimat, Deine Musik und Deine Freunde kennen. Und anstatt, dass ich an Montreux’ Riviera Freddie Mercurys Po oder Schnauz betrachte, begegnet einem hier beim Schnorcheln ein leicht gespenstischer algenüberwachsener Unterwasserjesus, etwa 50 Meter vor Sals Südküste. Vielleicht dann doch lieber Freddie.

Wir tanzen also bei Dju und Katja zu Hause zu eurem «Ilhas e Costas», singen schräg mit. Ein Lied über das Leben mit dem Meer und der Küste hier auf der Insel. Übers Nichtaufgeben, Weiterrudern, Ausprobieren, Sturbleiben. So wie ihr, erzählt mir Roni. Zu Beginn seid ihr belächelt worden, wie fast alle, die hier etwas anfangen wollten. In einem kleinen Ort wie Santa Maria kennt halt jeden jeden und die Kritikerstimmen sind schnell, laut und gross. Das besingt ihr gar in eurer Heimat-Liebeserklärung. Von alten Fischern habt ihr die Weisheit übernommen: Wer keine Angst vor dem Hai im Wasser hat, fürchtet sich auch nicht vor dem Hai am Lande. So liesset ihr euch nicht einschüchtern von den Sprüchen, hörtet lieber auf die wohlwollenden Stimmen und landeten schliesslich mit «Morro na ilha do Sal» eine Hymne für Sal, die nicht nur auf Partys und Festivals gespielt wird, sondern auch vor, zwischen und nach Fussballspielen, oder als Hintergrundmusik zu Kite- und Surfvideos dient. So bin auch ich auf euch aufmerksam geworden. Ich schaute mir auf YouTube Videos von Kitelehrer und Freund Ricardo an und während mein Auge seinem Ritt durch die Wellen von Ponta Preta folgte, blieb mein Ohr auf eurer Musik hängen. Eine Hymne, die euch gar den Dja D’Sal Award bescherte und Auftritte auf den anderen Inseln. Eine Hymne, die besingt, dass neben dem Tourismus und den weissen Stränden hier auf Sal auch noch Menschen leben. Menschen, die das Einfache schätzen. Den Fisch auf dem Grill. Und den Hai im Meer.

Roni erzählt mir weiter: Vadis Crazy ist eine Künstlergruppe, ein Kollektiv, nicht nur Musik. Das war mir bis gestern Abend nicht bewusst. Aber ja, so filmte Vadu, auch einer von euch, den Clip zu «Titia K’Txuriss» der international bekannten Jenifer Solidade, in welchem TchuTchu, der bei Vadis singt, tanzt. Seit genau einer Woche ist dieser neue Solidade-Song online. Ein traditionelles Lied im Batuque-Stil zu São João, eurem Mittsommerfest.

Roni erzählt von seinen Vorbildern. Natürlich Über­fliegerin Cesária Évora. Aber auch Ildo Lobo, der kam sogar aus Sal, oder noch etwas älter, Bana aus São Vicente, Orlando Pantera aus Santiago. Aber auch die unglaubliche Mayra Andrade, in unserem Alter, fantastische Stimme!

Fast jede Insel hat ihren eigenen Musikstil. So sind Batuque und Zouk landesweit vertreten, Santiago hat seinen Funana, Boa Vista den Morna, São Vicente und Santo Antão den Coladera. Den angolanischen Kizomba-Tanz tanzt man auch überall zu modernem Kizomba-Zouk. Und auf Sal? Da ist Vadis Crazy. Roni lacht. Aber er meint das ernst. Er erzählt mir, dass es keinen Sal-Musikstil gäbe und das wolle er ändern. Weil Sal ist eben mehr als Tourismus, weisser Strand und Surfen. Sal ist auch Leben. Und Leben ist Musik. Seine Vision ist die Fusion von Tradition und Moderne. Von Funana und House, von Morna und Chillout, von Coladera und Electro. Aber ach, das weisst Du ja. Ich glaube, er ist auf einem guten Weg. Nicht aufgeben. Weiterrudern. Von alten Fischerweisheiten erzählen zu frischen Klängen. Und er freut sich, wenn Du ihn wieder besuchst auf der Insel und Deine Ideen dazu gibst. Ich soll Dich herzlich grüssen.

Liebe Grüsse von der Insel Deiner Heimat,

Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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