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Schreibt über unterschiedliche Wahrnehmungen der auf Sal Gestrandeten: Vera Urweider. © Thomas Kromer

Inselpost 14

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 20.7.2020

Lieber Oliver, liebe Alexandra, lieber Philipp, liebe Verena,

ich frage mich oft, wie er denn nun ist, dieser Sommer in der Schweiz. Dieser Sommer ohne die grossen Festivals. Mit nicht so vielen Sitzplätzen auf den Caféterrassen, dafür umso mehr Abstand ebenda. Mit Badis, die nur wenige Menschen reinlassen, mit sommerlichen Temperaturen, denen das egal ist. Mit wohl doch recht eingeschränkten Reisemöglichkeiten, mit Risikoländerliste, mit fehlenden Touristen, oder vielleicht doch überlaufenen Wäldern und Bergwanderwegen, weil das der Schweizer Feriensommer 2020 ist - Ferien zu Hause, Ferien in der Schweiz, Ferien in den Bergen? Ich frage mich, Oliver, der Du Direktor von «Tourismus Biel Seeland» bist, wie geht es euch?

Hier auf Sal und speziell in Santa Maria, meiner temporären Heimat seit vier Monaten und fünf Tagen, fehlt der Tourismus finanziell sehr. Die Insel aus Sand und Salz lebt zu gut neunzig Prozent davon. Nicht nur die Hotels, Restaurants und Surfschulen, es geht viel weiter, bis zu den Strassenhändlern, von welchen die meisten aus Senegal kommen und deshalb jetzt auch keine Unterstützung bekommen, und letztendlich bis zu den Jungs und Mädels, die sich Woche für Woche von neuen Reisenden aushalten lassen. Diese lungern in den halbleeren Bars rum und schauen meinem europäischen Aussehen noch immer nach, obwohl sie längst wissen, wie lange ich bereits hier bin. Kein schönes Thema, doch schlicht Realität. Gerade und vor allem auf dieser Insel, auf welcher sich, neben den vielen wunderbaren Dingen, in den letzten Jahren langsam ein Ballermann im Atlantik abzeichnete. Sie schauen noch, um Geld fragen sie mich nie.

Dünen im Osten wurden abgetragen, um noch ein Resort zu bauen. Dünen im Westen wurden abgetragen für Kiteschulparkplätze. Dünen, die geschützt sind. Nun atmet Santa Maria auf. Atmet durch. Ruht sich aus. Die Natur erholt sich. Kein Dauerrausch­konsum, keine Dauerbeschallung. Abends hört man die Wellen anstelle der Partybässe. Man trifft sich zu Hause zum gemeinsamen Essen und Kartenspielen, statt feiern zu gehen.

Klar. Es ist finanziell nicht einfach, wenn man seine eigene Kiteschule erst vor zwei Jahren aufgemacht hat und dementsprechend keine Ersparnisse da sind. Wenn man als Freelancewindsurflehrer, natürlich ohne Verträge, für verschiedene Schulen arbeitete. Wenn man als Tourguide oder Fotograf, der die Touren begleitet, einfach keine Touren mehr macht. Noch lässt Kapverden die Grenzen auf unbestimmte Zeit zu. Neue Touristen kommen keine. Natürlich gibt es Frustrationsmomente mit grossen Fragezeichen. Wie weiter, was jetzt, warum überhaupt? Natürlich möchte man mal wieder auswärts essen gehen, auf eine andere Insel auf Familienbesuch reisen. Natürlich all das. Doch es sind Luxusgedanken. Man erfindet sich neu. Anstatt Surfstunden zu geben, gehen die Jungs fischen, Calamares fangen, Seeigel und Muscheln sammeln. Man macht schlicht das, was man vor dem Boom machte. Und jenen, die wirklich gar nichts haben, verteilen wir mit dem Roten Kreuz und der Hilfsgruppe «No Ta Junt» noch immer Essenskörbe. Lieber Philipp, liebe Verena, liebe Alexandra, ihr schicktet mir den Link zum sehr negativen 20-Minuten-Bericht der beiden Schweizerinnen hier auf Sal. Ihr vergleicht ihn mit meinen Briefen und sprecht von halbvollen und halbleeren Gläsern. Von einseitiger Negativität. Und ich kann euch sagen, vieles stimmt nicht in diesem Bericht. Es ist nicht krimineller als sonst. Es sind nicht alle Menschen depressiv. Und zu Essen gibt’s genug.

Es ist nicht einfach. Aber es ist machbar. Und viele sind ganz ehrlich froh, ihr Santa Maria mal wieder im Normalzustand zu haben. Manche nutzen diese Pause, um Langgedachtes umzusetzen. So wie meine Freunde drüben auf Boa Vista, Anita und Emanuel. Über Jahre bauten sie sich Abel-Tours, ihre eigene Inseltouragentur, auf. Schon länger hegten sie den Gedanken, nicht nur Touren anzubieten, sondern auch eine Art ökologischer Agrotourismus. Bei ihnen im Hundertseelendorf João Galego. Besucherzimmer und Mitarbeit in Feld und Garten. Jetzt hatten sie auf einmal Zeit und arbeiteten daran. Strukturierten um, planten und hirnen an einem neuen Namen. Ich bin gespannt!

Liebe Grüsse von der Insel,

Vera Urweider

Ps. Liebe Fiorella, liebe Salsa, wie sehr hab ich mich gefreut über euer gemeinsames Foto zum Geburtstag. Salsa, danke, dass ich in Tarrafal, Santiago, bei Dir wohnen durfte. Schön, hast Du es gerade noch in die Schweiz, nach Magglingen geschafft und hast nun ein wachsames Auge auf die Schwimmenden in der Sportschule, in welcher Du Fiorella arbeitest. Die Welt ist halt auch überkontinental klein.

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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