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Vera Urweider wird oft gefragt, was sie von zu Hause vermisse.© Thomas Kromer

Inselpost 18

Während Vera Urweider auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda.

Santa Maria, 31.8.2020

Lieber Bodo, lieber Mischa,

es war in der Nacht von Freitag auf Samstag letzte Woche. Elf Uhr und ich zu Hause, eingenickt, unter mir das dunkelblaue Sofa, auf mir ein hellblaues Buch. Ein seltsames Geräusch weckte mich aus dem Halbschlaf. Ein Geräusch, das mir irgendwie bekannt vorkam. Und gleichzeitig schien es so weit weg. Meine Ohren konzentrierten sich, um das Geräusch vom Tosen der brechenden Wellen unterscheiden zu können, das aus Richtung Terrasse in die Wohnung drang. Dann plötzlich stieg ein Geruch von Heimat in meine Nase. Gekoppelt mit dem Rauschen, das vom Innenhof gegenüberliegend der Terrasse zu mir drang, hatte ich auf einmal Gewissheit. Halb nackt und verschwitzt wie ich im momentanen kapverdischen Sommer meistens bin, zog ich mir das leichteste Kleid über, falls mich nachts doch jemand sähe, und trat aus der Tür. Ich lief zur Treppe da wo das Vordach aufhört, neben den Palmen, und blieb stehen. Total kitschig, so ein bisschen wie in einem Indie-Film mit schalem Licht, den Kopf im Nacken, die Arme von mir gestreckt. Minutenlang. Wie lange schon hatte ich mich nach Regen gesehnt.

Irgendwie ist es merkwürdig, euch einen Brief übers Wetter zu schreiben. Ein Thema, das man ja eigentlich nur dann anschneidet, wenn einem wirklich nichts Besseres in den Sinn kommt. Doch hier ist es anders. Hier auf Sal regnet es im Schnitt fünf Tage im Jahr, verteilt auf August und September. Ein Highlight also. Und weil der Boden so trocken ist, dauert es einige Minuten bloss und überall bilden sich kleine Seen, die dann tagelang langsam vor sich hin sickern.

Wenn mich Leute manchmal fragen, ob ich denn gar nichts vermisse von zu Hause, dann sage ich oft, doch. Den Regen. Und ein richtig tolles, krasses, krachendes Sommerge­witter. Das wäre mal wieder schön. Ich denke dann ganz oft an meine Grossmutter, nicht Nonna, die ihr ja auch ein bisschen kennt, sondern die andere, väterlicherseits, die nun bereits seit über zehn Jahren nicht mehr lebt. Ich denke daran, wie ich als Kind bei ihr in Meiringen auf dem Balkon stehe, ihre Hand ganz fest drücke und wir zusammen die Blitze zählen. Und bei jedem Blitz drücke ich noch ein bisschen fester. Und ich denke dann auch an Dich, Bodo, wie Du Regen immer lieber mochtest als Sonne. Ich weiss gar nicht, ob das noch immer so ist. Irgendwie haben wir schon lange nicht mehr übers Wetter geredet.

Ein so gar nicht banales, sondern wunderbares Thema. Bald schon, Mischa, ist es ein Jahr her, als Dein Fotobuch «Rear Window» erschien. Ein Buch, zu welchem ich den Text beisteuern durfte, in welchem Du Fotos von über fünf Jahren zusammentrugst, alle aus Deiner Wohnung in den Hinterhof. Hätte es in dieser Zeit nicht auch ab und an geregnet oder gar gewittert und geschneit, hätte es immer nur gesonnt, es wäre nur halb so spannend, lebendig und detailreich geworden. Manchmal verschleiern die Regentropfen an Deinen Scheiben das Draussen, manchmal sind sie gar Mittelpunkt des Geschehens. Wie hab ich ihn vermisst, diesen Regen.

Das Buch übrigens, unter welchem ich in der Regennacht auf dem blauen Sofa eingenickt bin, spielt teilweise in Bern. Eine Leiche hängt an der Untertorbrücke über der Aare. Ich finde das deshalb irgendwie komisch, weil ich das Buch in der Wohnung meiner englischen Freundin Olivia gefunden habe. Wie die meine, ist ihre Wohnung direkt am Meer, für Touristen, die nicht da sind und wohl noch länger nicht kommen werden, und deshalb leer und für unsereins bezahlbar. Da stehen also ein paar Bücher auf Englisch, Schwedisch und eines auf Deutsch, ich nehme es, drehe es um, ein Krimi, aha, in Bern, äuä!

Der Schauplatz wechselt zwischen Bern und der Insel Ostheversand irgendwo im Norden zwischen Deutschland und Dänemark, auf welcher sich auf einem Felsen ein Hochsicherheitsgefängnis für geistig abnorme Rechtsbrecher befindet. Immer wieder wird da beschrieben, wie aufs Meer geguckt wird. Wie die Wellen an die Klippen schlagen. Wie das donnert und rauscht und tobt. Und wenn mich nicht gerade ein seltener Regen ablenkt, dann sitze ich lesend auf meiner Terrasse, unter mir das Meer, das typische Augustwellen schlägt, an die Felsen donnert und mir so den perfekten Soundtrack zur Geschichte liefert und mich eintauchen lässt.

Liebe Grüsse von der Insel,
Vera Urweider

Vera Urweider schreibt und fotografiert dort, wo sie gerade ist und das, was sie gerade sieht. Nach einer Tanzschule widmete sie sich der Bewegung im Kopf: Sie studierte Medien, deutsche Literatur und Ethnologie in Fribourg und absolvierte die Journalistenschule in Luzern und Hamburg. Momentan versucht sie anstatt auf einer Theaterbühne auf einem Kiteboard zu stehen.

Während sie auf der kapverdischen Insel Sal in Insolation sitzt, schreibt sie hier wöchentlich einen Brief von ebenda. Wer mag, schreibt ihr einen zurück: vera.urweider@gmail.com

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